Hector Berlioz

Überraschend früh im Jahr gastierten Nadia Singer, Piano, und Lutz Görner, Rezitation, mit ihrem Programm zu dem französischen Komponisten und Musikkritiker Louis Hector Berlioz (1803-1869), im Augustinum Bad Neuenahr.

Im Mittelpunkt standen die Briefe, die Berlioz anlässlich seiner musikalischen Reise, in den Jahren 1842 und 1843, durch Deutschland, an seine Freunde in Paris geschrieben, und in seinen Memoiren veröffentlicht hat. Lutz Görner las mit seiner facettenreichen Stimme aus diesen Briefen vor und Nadia Singer spielte Berlioz-Stücke in der für Klavier transkribierten Fassung durch Franz Liszt (1811-1886). Franz Liszt war von Berlioz‘ Musik so begeistert, dass er mit dessen Werken seine Transkriptionen (die allein 70 CD’s füllen) begann.

Zum Auftakt spielte Nadia Singer „L’Idée fixe“ aus der „Symphonie fantastique“ (aufgefallen ist mir, dass Nadia Singer jetzt mit wesentlich prägnanterer Gestik spielt) und Lutz Görner las wie Berlioz nach Frankfurt/Main kam und dort anstelle der zugesagten Aufführung den Rat erhielt nach Stuttgart zu fahren.

Eine Passage aus Berlioz‘ erster Oper „Benvenuto Cellini“ folgte und Görner las aus dem Berlioz-Brief an Liszt über dessen Erlebnisses in Hechingen, wohin er nach seinen Auftritten in Stuttgart gefahren war. Ausführlich ließ sich Berlioz darüber aus wie einfach es doch für einen Solisten sei ein Konzert zu geben, während ein Komponist erst mal ein Orchester soweit bringen müsse bis es reif für eine Aufführung sei. Allein schon die Proben begännen mit Problemen durch die Abwesenheit verschiedener Musiker aus den haarsträubendsten Gründen.

Nadia Singer spielte das „Allegro“ aus dem fünften Satz „Hexensabbat“ der „Symphonie fantastique„, ehe Lutz Görner den zweiten Teil aus dem Brief aus Hechingen rezitierte. Darin schildert Berlioz das großartige, durch nichts zu überbietende Gefühl eines Komponisten wenn das Konzert mit einem großen Erfolg aufgeführt wurde.

Aus der 1834 entstandenen Sinfonie „Harold en Italie“ spielte Nadia Singen den dritten Satz „Sérénade d’un montagnard des Abruzzes à sa maîtresse“ (Abendliches Ständchen eines Abruzzen-Gebirglers an seine Geliebte). Und aus einem weiteren Brief an Liszt war die Reise nach Weimar und das Wiedersehen mit Felix Mendelssohn Bartholdy (1809-1847), den Berlioz in Rom erstmals getroffen hatte, geschildert.

Nun erklang der „Marche au supplice“ (Der Gang zum Richtplatz), dem vorletzten Satz aus der „Symphonie fantastique„, bevor es zu einer kurzen Pause und dem Gespräch mit den Protagonisten des Abends kam. Dabei erzählte Lutz Görner, der sich wie immer ganz intensiv mit dem Komponisten des Abends beschäftigt hatte, dass Berlioz in Frankreich weniger als Komponist geschätzt, dafür eher als Autor anerkannt wird.

Den zweiten Teil des Konzert- und Lesungs-Abends begann Nadia Singer mit dem 1. Satz aus der „Symphonie fantastique“ mit dem Titel „Rêveries, Passions“, Largo (c-Moll, 4/4-Takt) – Allegro agitato e appassionato assai (C-Dur, 2/2-Takt) (Träumereien, Leidenschaften). Danach berichtete Berlioz über seinen Aufenthalt in Dresden und der Begegnung mit Richard Wagner (1813-1883), den Berlioz für ziemlich ungehobelt und eingebildet hielt. Für das Orchester in Dresden fand Berlioz nur lobende Worte und merkte an, dass dessen ganzes Bestreben gewesen sei besser als das Leipziger Orchester zu spielen.

Weiter ging es mit der Ouvertüre zu „Le roi Lear“ (König Lear) von 1831. In einem Brief an Heinrich Heine (1797-1856) schilderte Berlioz seine Erlebnisse in Braunschweig, wo er inzwischen auf seiner Deutschland-Reise angekommen war. Begeistert zeigte er sich wiederum von der Qualität des dortigen Orchesters, das allerdings die üble (so Berlioz) Gewohnheit hatte, als Dank und Lob für den Komponisten, einen Tusch (ta ta tata) zu spielen und ihn damit völlig konsternierte.

Im Anschluss spielte Nadia Singer, luftig leicht, den „Sylphentanz“ aus der dramatischen Legende „La damnation de Faust“ (Fausts Verdammnis), die 1846 in Paris zur Uraufführung kam und ein finanzielles Fiasko für Berlioz darstellte. Inzwischen war der Komponist in Berlin angelangt. Das dortige Orchester stand unter der Leitung von Giacomo Meyerbeer (1791-1864), der, so Berlioz, den Klangkörper fest im Griff hatte. In Berlin traf Berlioz auch mit Alexander von Humboldt (1769-1859) zusammen.

Zum Abschluss des Abends spielte Nadia Singer geradezu mitreißend „Les francs-juges“ (Die Feme-Richter). Dieses Werk hatte Berlioz 19jährig komponier.

Mit viel Beifall und dem Dank der Künstler an das Publikum ging dieser, wieder tolle Konzert- und Rezitations-Abend zu Ende.