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Wer vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart

Da meine Frau nicht besonders interessiert an Krimis ist, zeichne ich einige davon auf und schaue sie mir dann bei Gelegenheit an. So habe ich erst gestern den Tatort „Grenzfall“ aus Wien gesehen. Ziemlich am Schluss  erwähnt einer der Darsteller das vorgenannte Zitat, des ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker (man kann auch bei Krimis noch etwas lernen 😊).

In unserem Haus wohnt seit 15 Jahren eine Überlebende der Nazizeit, die inzwischen 93jährige Ilse Rübsteck. Frau Rübsteck wurde einen Tag nach ihrer Hochzeit von ihrem Mann getrennt und war für 3 1/2 Jahre im KZ in Riga. Und das, weil sie und ihre Famlie jüdischen Glaubens ist (war).Frau RübsteckNach ihrer Befreiung durch die russische Armee kehrte sie in ihr Elternhaus in Hochneukirch im Rheinland zurück. Erst Jahre später kam auch ihr Mann in die Heimat zurück. Das Paar wollte dann nach den USA auswandern und erhielt auch hierfür die Zusage. Nach einem Jahr Aufenthalt in einem Emigranten-Lager in Bremen – ihre ganze Habe war inzwischen gestohlen – wurde dann doch die Einwanderung von den Amerikanern verweigert. Wie sich später heraus stellte, weil sie  damals Mitglied im VVN, der „Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes“, waren. In der seinerzeitigen  Kommunistenfurcht in den USA wurden sie schlussendlich abgelehnt – in der VVN gab es auch Kommunisten (wo nach dem Krieg nicht?)!

Das Ehepaar Rübsteck kehrte wieder in den Heimatort zurück und musste nochmals von Null anfangen. Frau Rübsteck lernte dann in Köln das Friseurhandwerk und baute sich einen eigenen Friseursalon auf.

Über die Geschichte der Juden in Hochneukirch wurde ein Buch veröffentlicht und es ist das ganze Bestreben von Frau Rübsteck, dass dieses Buch eine weite Verbreitung unter den jungen Menschen findet.Juden Hochneukirchs

Gegen das Vergessen und dem „Verschließen der Augen“. Aus diesem Grund will sie auch für das Buch kein Geld, sondern verteilt und verschickt es kostenlos an alle Interessierte. In ihrer humorvollen Art sagt sie dann: „ich kann erst gehen, wenn das letzte Buch untergebracht ist“.

Wenn also jemand, der diesen Blog liest, Interesse an dem Buch hat, kann er sich gerne mit mir in Verbindung setzen.

Das erstaunlichste an dieser Geschichte ist für mich, dass Frau Rübsteck trotz ihrer Erlebnisse nie ihre Fröhlichkeit verloren hat und ein überaus humorvoller Mensch geblieben ist. Aus meiner Warte  habe ich ihr sagen müssen: „ich hätte nicht mehr in diesem Land leben können und wollen“.

Und ich kann einfach nicht verstehen, dass ein Mensch wegen seiner Religionszugehörigkeit verfolgt und ausgegrenzt wird. Selbst heute noch in unserer Gesellschaft die sich mehrheitlich von der Religion abgewendet hat. Es ist ein Skandal, dass jüdische Einrichtungen noch immer besonderen Schutz brauchen.

Dass der Antisemitismus, selbst in den allerhöchsten Kreisen des Kaiserreiches, und schon früher,  immer latent vorhanden war, kann man in der überaus lesenswerten Familienbiographie der Mendelssohns nachlesen.Buchcover