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In meinem früheren Beitrag „Vergangenheit“ habe ich schon mal über unsere Mitbewohnerin Ilse Rübsteck berichtet. Am letzten Donnerstag nun hat sie sich bereit gefunden, öffentlich im Haus, von sich und ihrem Leidens-Lebens-Weg zu berichten.

Das Interesse war so riesig, dass der Augustinus-Saal aus allen Nähten platzte und Einige sogar umkehren mussten. Nach der Begrüßung durch unsere Direktorin und die Moderatorin, zeigte Frau Rübsteck eine Videoaufnahme, die, anlässlich eines Besuches an einer jüdischen Schule in Köln, bei dem sie den Schulkindern von ihrem Leben berichtete, aufgezeichnet worden war.. Diese DVD machte es ihr, wie sie selbst sagte, erst möglich vor die Bewohner zu treten.

Frau Rübsteck schilderte den Grundschul-Kindern,  offen, aber schonungsvoll in den Einzelheiten, was sie, nach ihrer Verschleppung in das KZ von Riga, Lettland, erlebt hat. Dort mussten sie alle Arbeiten ausführen, die ihnen von der KZ-Leitung aufgetragen wurde. So wurde sie z.B. in einer Bäckerei in der Stadt als Putzkraft verwendet. Einmal, so berichtet sie, kam ein Bekannter aus ihrer Heimatgemeinde Hochneukirch vorbei, in SS-Uniform gekleidet, der sie geflissentlich übersah, während sie doch gehofft hatte, dieser würde ihr vielleicht helfen. Und der Clou des Ganzen war, dass sie diesen Mann, anlässlich einer Feier in Hochneukirch, nach dem Krieg, als Bürgermeister wieder angetroffen hat. Oder sie erzählt, wie sie, von zwei SS-Leuten, vor der Bäckerei mitgenommen werden sollte. Ihre Arbeitgeber aber die beiden nach oben in die Wohnung riefen, und sie mit Schnaps abfüllten. Die Betrunkenen haben dann das KZ-Mädchen vergessen. Sie berichtet, wie sie, und andere jüdische KZ-Häftlinge, auf den Friedhof geführt wurden. Dort hießen die Schergen die Gefangenen abwechselnd niederknien und aufstehen, zielten mit Pistolen auf sie, und erschossen wahllos den gerade Knieenden. Die glücklich Überlebenden wurden wieder zurück geführt in das KZ.

„Das alles nur, weil wir Juden waren. Dabei müssten wir stolz sein, dass wir Juden sind“, sagte sie und „glaubt nicht alles was man euch sagt“ legte sie den Kindern ans Herz.

Verwundert fragt sich Ilse Rübsteck in dieser DVD, wo nach dem Krieg all die Menschen geblieben sind, die so Böses taten.

Frau Rübsteck

Frau Rübsteck in ihrem Heim

Nach der Vorführung stand Frau Rübsteck für Fragen zur Verfügung. Dass der Co-Moderator, während er drei ausführliche Listen darüber, was Juden verboten, vorgeschrieben und verweigert wurde, vorgelesen hat, mehr mit sich und der Vermeidung von Tränen gekämpft hat, war wohl nicht sehr hilfreich, wurde aber tolerant akzeptiert.

Auf die Frage: „wie können Sie nach all den Erlebnissen so ganz ohne Rachegefühle noch in diesem Land leben, und so fröhlich sein?“ antwortet sie lapidar: „das muss wohl an meinen Genen liegen“.

Auf Nachfrage schildert sie auch noch, dass sie nach der Befreiung durch die Russen schwer an Typhus erkrankt war und alle Frauen, trotz Krankheit von den Befreiern vergewaltigt wurden. Auch schildert sie, dass sie eigentlich nach dem Krieg nach Amerika auswandern wollte. Aufgrund ihrer Mitgliedschaft im VVN jedoch ein Jahr lang in einem Lager in Bremen festgehalten wurde, dabei wieder alles Hab und Gut verlor, und die bereits zugesagte Einwanderungserlaubnis zurückgezogen wurde.

So kehrte sie wieder in ihr Heimatdorf zurück wo sie auch wieder mit ihrem Mann zusammentraf und ihr Nachkriegsleben aufnahm.

Mit dankbarem Applaus wurde Frau Rübsteck dann verabschiedet.