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Während die bisherigen Veranstaltungen, anlässlich der Ausstellung „Ein Koffer für die letzte Reise“ sich, mehr oder weniger theoretisch, mit dem Tod beschäftigt haben, konnte mensch beim Vortragenden selbst, Dr. med. Eckehard Louen, als auch seinem Thema deutlich spüren, dass es hier um den täglichen Kampf mit dem Sensenmann und dem Einsatz für das Leben geht.

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Ausstellungskoffer

Dr. Louen ist Leiter der Palliativ-Station am Krankenhaus „Maria Stern“ in Remagen, die 1998 eröffnet wurde, über 7 Zimmer verfügt und sich als. Akutstation versteht, da ambulant vor stationär geht. Ziel ist es immer, den Patienten nach Hause zu entlassen.

Zunächst gab Dr. Louen einen kurzen Abriss über die Entwicklung der modernen Medizin, die erst vor 150 Jahren so richtig in Fahrt kam mit der Narkosetechnik, der Blutgruppenbestimmung, der Entdeckung des Penicillins, der Dialyse (es gibt Patienten, die 25 Jahre Leben damit gewonnen haben – die Hoffnung zielt jedoch immer auf eine Spender-Niere), Wiederbelebung und der Intensivmedizin.

Der Preis für die moderne Medizin kann jedoch auch in einem Horrorszenario bestehen, das wir uns alle vorstellen können oder gar schon miterlebt haben. Daher ist eine Akzeptanz der Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht durch die Ärzte sehr wichtig. Nach den Grundsätzen der Bundesärztekammer

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Ausstellungskoffer

sind die Menschenwürde, Unterbringung, Zuwendung, Körperpflege, Schmerzlinderung und das Stillen von Hunger und Durst unverzichtbare Kriterien. Und der Arzt hat sich immer zu fragen: „wann ist der Tod nahe, dürfen oder müssen wir weiter therapieren?“ Einer französischen Studie aus dem Jahr 2012 zufolge fallen 80 % der Gesamtkosten für einen Patienten in seinem letzten Lebensjahr an. Bei der Prognose zur Lebenserwartung eines todkranken Patienten liegen die Ärzte und Pflegepersonal bei 1 – 6 Monaten, während real 1 Monat richtig wäre. Die Irrtumsrate ist also sehr hoch. Andererseits kennt Dr. Louen einen Fall, bei dem seitens der Ärzte noch 3 Monate prognostiziert wurden, daraufhin die Ehefrau ihren Beruf aufgab um ihrem Mann in dieser Zeit beizustehen, dieser jedoch noch 2 1/2 Jahre als Pflegefall lebte. Darüber ging das Haus verloren und die Frau fand nach dem Tod ihres Mannes keine adäquate Anstellung mehr.

Für Dr. Louen sind die Worte Kafkas

„Wir sehen die Abenddämmerung, aber erschrecken doch vor der Dunkelheit“

und Cicely. Saunders

„Sie sind wichtig, weil Sie eben Sie sind. Sie sind bis zum letzten Augenblick ihres Lebens wichtig, und wir werden alles tun, damit Sie nicht nur in Frieden sterben, sondern auch bis zuletzt leben können“

prägend für seine Berufsausübung. Und sein Ziel ist es, für seine Patienten eine maximale Lebensspanne bei maximaler Qualität zu erreichen.

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Bezüglich des Suizids und der Sterbehilfe äußerte er eine rigorose Ablehnung, was sicher nicht bei allen Zuhörern Zustimmung gefunden hat.  Er befürchtet, dass dann ein ökonomischer Druck entsteht der „unwertes“ Leben beenden soll (was, nach meiner Meinung, nicht zuletzt unserer jüngsten Geschichte zu danken ist).

Meine Überzeugung ist, dass nur der Patient selbst entscheiden kann, ob seine Situation noch Hoffnung birgt oder für ihn unerträglich wurde. Dann  ist für mich, bei Einverständnis mit den Hinterbleibenden oder wenn es keine Angehörigen gibt, der Freitod durchaus eine Option.

Dass die Patienten in England, die zu einer sich selbst gebenden tödlichen Überdosis im Stande waren (s. meinen Beitrag „Und dann kommt nichts mehr?“), diese Möglichkeit praktisch nicht genutzt haben, ist eben durch die Eigenbestimmung zu erklären, während in unserem System der Patient sich ausgeliefert und fremdbestimmt vorkommen muss. Aber letztendlich kann jeder nur für sich selbst entscheiden.

Dr. Louen zitierte noch Vaclav Havel

„Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht“

Und mir gefällt Senecas Ausspruch

„Der Tod bedeutet die Tilgung jeglichen Schmerzes, und er ist die Grenze, über die unsere Leiden nicht hinausgelangen; er gibt uns wieder jenen Zustand der Ruhe zurück, dem wir vor unserer Geburt angehörten“.

Sein sehr nachdenklich gestimmtes Publikum konnte Dr. Louen dann doch noch mit einem Lachen verabschieden, als er zu der überreichten Flasche Wein bemerkte: „Das verstehe ich unter Stillen von Hunger und Durst“.