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Am Donnerstag konnte ich wieder mal ein reines Pianokonzert im Augustinum genießen. Schon das Programm versprach ein großartiges Konzert und die Künstlerin des Abends, Jamina Gerl, über die in der nmz zu lesen ist:

„Bravour um ihrer selbst willen“ sei, „das letzte, was Liszt verdient“, hat Alfred Brendel scharfsinnig seinen Ansatz einmal umrissen. Und genau in diesem Sinne versteht auch Gerl „ihren“ Liszt. Technisch über jede noch so große Schwierigkeit erhaben, ist hier keine selbstverliebte Tastenakrobatik zu erleben, sondern eine außergewöhnlich tiefschürfende Interpretation…“
„Mit schlüssig disponierter Dramatik begegnet Gerl auch Mendelssohn, den sie stilsicher als lyrischen „Erzähler“ aushört, wobei selbst der drängende Drive des finalen Presto dessen poetischen Gehalt nicht an den Effekt verspielt.“

März 2015, nmz (Neue Musikzeitung)

wurde diesem Anspruch voll auf gerecht.

Los ging es mit der Fantasie in fis-moll Op. 28 von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847). Bachgemurmel und springende Quellen begleiteten den Zuhörer durch die schottischen Wälder.

Nomen est Omen könnte mensch zu den beiden folgenden Liszt (1811-1886)-Stücken „Waldesrauschen“ und „Gnomenreigen“ sagen, denn genau so klang die hörbare Interpretation.

Drei phantastische Tänze Op.5 von Dmitri Schostakowitsch (1906-1975) verführten den Zuhörer in Gedanken den Raum mit Bewegung und Sprüngen zu durchqueren.

Mendelssohns Venezianische Gondellieder Op. 19, 30 und 62 riefen Bilder und Töne (war da nicht der Glockenschlag des Campanile?) dieser Stadt hervor

Auf dem Canal Grande

Auf dem Canal Grande

Mit Claude Debussys (1862-1918) L’Isle joyeuse, voll Sinnesfreude, ging es dann in die Pause. Der hochkomplexe Fingersatz war für diese Pianistin keine Schwierigkeit.

Jamina Gerl beim Spiel

Jamina Gerl beim Spiel

Während der erste Teil des Konzertes eine Wanderung durch die Natur war, sollte der zweite Teil den Gefühlen vorbehalten sein. Bevor Jamina Gerl diesen zweiten Teil ihres Konzertes begann, machte sie noch auf eine kleine Programmänderung aufmerksam. Anstelle der von Liszt transkribierten Arie „O du mein holder Abendstern“, aus der Oper Tannhäuser von Richard Wagner, spielte sie das von Liszt vertonte Sonett 47 von Petrarca. Anschließend folgte von Franz Schubert „Der Wanderer“ Op. 4 D 489 in der Klavierfassung von Franz Liszt und die Sonate „Wanderer Fantasie“ D 760 in C-Dur, wohl der Höhepunkt des Klavierabends.

Vorausgegangen war eine Rezitation, durch Jamina Gerl, des Textes von Georg Philipp Schmidt von Lübeck (Des Fremdlings Abendlied), der Grundlage für das Schubertsche Lied „Der Wanderer“ war, und mit der sie ganz bewußt eine Brücke in unsere aktuelle Zeit schlug:

Ich komme vom Gebirge her,
Die Dämmerung liegt auf Wald und Meer;
Ich schaue nach dem Abendstern,
Die Heimath ist so fern, so fern.

Es spannt die Nacht ihr blaues Zelt
Hoch über Gottes weite Welt,
Die Welt so voll und ich allein,
die Welt so groß und ich so klein.

So wohnen unten Haus bei Haus,
Und gehen friedlich ein und aus;
Doch ach, des Fremdlings Wanderstab
Geht landhinauf und landhinab.

Es scheint in manches liebe Thal
Der Morgen- und der Abend-Strahl,
Ich wandle still und wenig froh,
Und immer fragt der Seufzer: wo?

Die Sonne dünkt mich matt und kalt,
Die Blüthe welk, das Leben alt,
Und was sie reden, tauber Schall,
Ich bin ein Fremdling überall.

Wo bist du, mein gelobtes Land,
Gesucht, geahnt und nie gekannt?
Das Land, das Land, so hoffnungsgrün,
Das Land, wo meine Rosen blüh’n?

Wo meine Träume wandeln gehn,
Wo meine Todten auferstehn;
Das Land, das meine Sprache spricht,
Und Alles hat, was mir gebricht?

Ich übersinne Zeit und Raum,
Ich frage leise Blum’ und Baum;
Es bringt die Luft den Hauch zurück:
„Da, wo du nicht bist, ist das Glück!“

Mit der großartigen Darbietung der „Wanderer Fantasie“ ging dieser wunderbare Piano pur Abend zu Ende, fast, denn als Zugabe erklang noch ein weiteres Gondellied.

Jamina Gerl nimmt den wohlverdienten Applaus entgegen

Jamina Gerl nimmt den wohlverdienten Applaus entgegen

Die überaus charmante Künstlerin nach dem Konzert

Die überaus charmante Künstlerin nach dem Konzert