Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Ich bin mir bewusst, dass dies ein, für meine Verhältnisse, ungewöhnlich langer Beitrag ist. Aufgrund der Unterteilung sollte eine Lektüren in geeigneten Portionen jedoch gut möglich sein. Anmerken möchte ich noch, hier handelt es sich um meine Schilderung des Seminars, wie ich es gehört und für mich verarbeitet habe. Sollten sachliche Fehler darin sein, so liegen diese allein bei mir.

I

War es vor einigen Wochen Norbert Weis, der uns die Ideen und das Leben von Immanuel Kant näher brachte, so war es während der Fastenzeit unsere Mitbewohnerin, die Pfarrerin i. R., Helgrid Neisel, die an 5 Nachmittagen die Reformation und deren Auswirkungen beleuchtete.

Zu Beginn schilderte Frau Neisel in welche politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse Martin Luder (so der ursprüngliche Namen, ca. 1512 von ihm in Luther umgewandelt) 1483 geboren wurde, und welchen schulischen Weg er genommen hat. Sein Vater, Hans, mit der Ehefrau Margarethe, war Bauer, dann Bergmann, selbst Bergwerksbesitzer und später sogar Ratsherr.

Europa zur Zeit der Reformation. Das Erstarken der Bankhäuser Fugger und Welser. Kaiser Karl V. regierte von Spanien aus, wo er sich mehr um die Vertreibung der verbliebenen Muslime und Juden kümmerte. Deutschland war zersplittert in zahlreiche Königs- und Fürstenreiche. Der Ablasshandel wurde immer mehr ausgeweitet und pervertiert. Die Menschen waren überaus gläubig und lebten in ständiger Angst um ihr Dasein. Die Bauern wurden, wie die Tagelöhner auch, ausgebeutet und lebten ständig am Existenzminimum. Allen gemeinsam war ein Streben nach Sicherheit.

Luther wurde mit 5 Jahren in Mansfeld eingeschult, wo die Erlernung des Lateinischen in Grammatik, Rhetorik und Dialektik vorherrschende Aufgabe war. Mit 14 Jahren kam er zu den „Brüdern vom gemeinsamen Leben“,  in Magdeburg. Ein Jahr später wechselte er an die Pfarrschule St. Georgen in Eisenach und begann, im Jahr 1501, das Studium an der Universität Erfurt. Dort promovierte Martin Luther 1505 zum Magister Artium (freie Künste) um dann, auf Wunsch seines Vaters, das Studium der Jurisprudenz zu beginnen. Aufgrund eines schlimmen Gewitters, das er bei Stotternheim erlebte, erfüllte er noch im gleichen Jahr das Gelöbnis Mönch zu werden und trat am 17. Juli dem Bettelorden des Klosters der Augustiner-Eremiten in Erfurt als Novize bei.

II

Nach der Priesterweihe und Primiz begann Luther das Studium der Theologie. Im Jahr 1508 wurde Luther nach Wittenberg, zur vertretungsweisen Übernahme des dortigen Lehrstuhles für Moralphilosophie, berufen. Nach erfolgreicher Prüfung als Baccalaureus der Theologie kehrt er nach Erfurt zurück. Im November, also mitten im Winter, 1510 musste er zu Fuß die Alpen überqueren, um in Rom an Verhandlungen in Ordensangelegenheiten teilzunehmen. In Rom, wo, wie überall in den lateinischen Ländern, die Deutschen als Trampel und Deppen galten, war Luther bei seinen römischen Kollegen nicht gerne gesehen. Im Frühjahr 1511 kehrte er nach Erfurt zurück, wurde aber sofort als Subprior an das Augustinerkloster in Wittenberg versetzt. 1512 promovierte er dort zum Dr. theol. (Professor) und erhielt den Lehrstuhl für Theologie. In den folgenden Jahren las Dr. Luther, der gerne auch als „Eleutheros“, der Freie, denn von diesem griechischen Wort leitet er seinen Namen ab, signierte, über die Römer- und Galaterbriefe des Paulus.

Paulus an die Römer: Kap. 3,28 Wir gehen davon aus, dass der Mensch gerecht gemacht wird durch das Vertrauen – ohne die Werke des Gesetzes. Was Luther übersetzt: So halten wir nun dafür, dass der Mensch gerecht werde ohne des Gesetzes Werke, allein durch den Glauben.

Luther macht ganz bewusst aus Vertrauen Glauben, denn aufgrund seiner Erfahrungen als Kind und Schüler hielt er wenig vom Vertrauen in strafende „Götter“, sprich Eltern und Lehrer.

Zu dieser Zeit (1516/1517) tauchte der Dominikanermönch Johann Tetzel in den Bistümern Meißen, Halberstadt und Magdeburg auf, wo er im Auftrag der jeweiligen Bischöfe den Ablasshandel betrieb „Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele aus dem Feuer springt“. Eine Hälfte der Einnahmen diente dem Bau des Petersdoms in Rom, während die andere sich der Erzbischof Albrecht von Brandenburg und der jeweilige Ablassprediger teilten. Der Bischof benötigte die Einkünfte, um seine, gegenüber den Fuggern aufgelaufenen, Schulden abzuzahlen.

Dieser Ablassmissbrauch war für Luther Anlass zu seinen 95 Thesen. In Briefen an den Erzbischof von Mainz und Magdeburg, sowie den Bischof von Brandenburg führt er darin unter anderem aus:

Niemand kann Vergebung ohne Reue erhalten; aber wer wirklich bereut, hat Anspruch auf völlige Vergebung – auch ohne bezahlten Ablassbrief; oder: Wer einem Bedürftigen nicht hilft, aber stattdessen Ablass kauft, handelt sich den Zorn Gottes ein; aber auch: Warum baut der reiche Papst nicht wenigstens den Petersdom von seinem Geld?

Luther wurde darauf hin nach Rom vorgeladen. Auf seinen Wunsch wurde die Verhandlung wegen Häresie dann jedoch in Augsburg (1518) geführt. Vor Kardinal Cajetan verweigerte Luther den Widerruf, so lange er nicht aus der Bibel heraus widerlegt werde. Kurfürst Friedrich der Weise lehnt die Auslieferung Luthers gegenüber Papst Leo X. ab und Luther kann sich der Verhaftung in Augsburg durch Flucht entziehen.

Auf die Disputation mit Johannes Eck in Leipzig folgte im Jahr 1520 die Bannandrohungsbulle  und, nach Verbrennung seiner großen Programm-Schriften „An den christlichen Adel deutscher Nation“, „De captivitate Babylonica“ und „Von der Freiheit eines Christenmenschen“, in Löwen, Lüttich, Köln und Mainz, die mit der Verbrennung der Bannandrohungsbulle in Wittenberg beantwortet wurde, 1521 die Bannbulle und Vorladung zum Reichstag in Worms. Luther verweigert erneut einen Widerruf.

Da mein Gewissen in den Worten Gottes gefangen ist, ich kann und will nichts widerrufen, weil es gefährlich und unmöglich ist, etwas gegen das Gewissen zu tun. Gott helfe mir. Amen.

Auf der Rückreise von Worms wird Luther auf die Wartburg

Wartburg

Wartburg

„entführt“. Dort beginnt er mit der Übersetzung des Neuen Testaments, wobei Grundlage das Novum Testamentum des Erasmus von Rotterdam war.

Luther war nicht nur ein streitbarer und mutiger Verfechter seiner Überzeugung, er liebte die Musik: „Musik ist die beste Gottesgabe“ und komponierte z.B. das seit 1524 gesungene „Nun frewdt euch lieben Christengmayn“, das uns Frau Neisel über ein Radiogerät zu Gehör brachte.

III

Zu Beginn des dritten Abschnitts ihres Seminars, spielte Frau Neisel, mittels CD, einen, von Luther getexteten, liturgischen Gesang vor. Außerdem machte sie auf sprachliche Deutungsänderungen zwischen heute und der damaligen Zeit aufmerksam. So z.B das Wort allein, das wir heute mit nur umschreiben würden, oder Glauben, was damals mehr auf credere, Credo, gleich Vertrauen fußte.

Luther saß also auf der Wartburg und verfiel, ob des Alleinseins, seiner leicht aufflackernden Depression.

Lutherstube auf der Wartburg

Lutherstube auf der Wartburg

Um dagegen etwas zu tun, stürzt er sich in die Arbeit, die Übersetzung der gesamten Bibel, Teile daraus waren durchaus schon früher übersetzt worden, in einer deutschen Sprache, die allgemein verständlich war – „dem Mann auf dem Marckt auf das Maul gesehen“ – und mit der er die deutsche Hochsprache begründete. Zwischendurch ging er, verkleidet als Junker Jörg, hinab in die Stadt um der Einsamkeit zu entfliehen.

Seine Thesen und Schriften sorgen in Wittenberg für weitgehende Kirchenreformen, soziale Maßnahmen wurden ergriffen, aber auch für Aufruhr und Bilderstürmereien. Nonnen und Mönche verließen ihre Klöster. Um den Auswüchsen zu begegnen rief der Stadtrat von Wittenberg Luther zurück (er ließ sich die Haare schneiden, eine Tonsur rasieren und legte wieder sein Mönchsgewand an) und diesem gelang es, innerhalb kurzer Zeit, mit seinen Predigten, die Menschen zu maßvollen Reformen zu veranlassen. Luther wurde als neuer Papst angesehen, was dieser jedoch keineswegs sein wollte.

1522 wurde Kardinal Adrian von Utrecht zum Papst Hadrian VI. gewählt. Er erkannte die Gefahr einer Kirchenspaltung und wollte dieser durch Reformen, innerhalb der Kurie selbst, begegnen. Auf dem Reichstag zu Nürnberg, der zu dieser Zeit tagte, ließ er ein Schuldbekenntnis verlesen, in dem er, an den Zuständen in den Gliederungen, die Kurie selbst als Ausgangspunkt sah.

Auch beim Heiligen Stuhl in Rom sei „viel Verab­scheu­ungs­­würdiges“ geschehen: „Missbräuche in geistlichen Dingen“ und „Übertretungen der Gebote“. So habe sich die Krank­heit „vom Haupt auf die Glieder, von den Päpsten auf die Prälaten“ verpflanzt: „Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind vom rechten Wege abgewichen, und es gab schon lange keinen einzigen, der Gutes tat“.

Leider starb Papst Hadrian VI. noch 1523, was sicher als tragisch angesehen werden kann.

Luther selbst setzte sich weiterhin für gemäßigte Reformen ein. 1525 hielt er in Wittenberg die erste Deutsche Messe, wo sie dann auch üblich wurde. Im Jahr darauf veröffentlichte er eine Gottesdienstordnung. Aber nicht nur theologische Reformen waren sein Ziel, er wollte auch, dass die Schulen reformiert würden und richtete aus diesem Grund 1524 ein Schreiben  an die „Ratsherren deutscher Städte“, mit dem er dazu anhielt christliche Schulen aufzurichten und zu halten. Er forderte eine neue Pädagogik und verwies auf die Wichtigkeit der Sprachen. Darüberhinaus textete und vertonte er Kirchenlieder.

1525 heiratete Luther Katharina von Bora. Diese war zusammen mit 8 anderen Nonnen aus ihrem Kloster in Nimbschen 1523, versteckt in leeren Heringsfässern, geflüchtet und wohnte bei der Familie Lucas Cranach dem Älteren, zu Wittenberg. Das Hochzeits-Zermoniell verlief zu jener Zeit wie folgt: Verlobung mit Vertrag, 2 Tage später das damals übliche Beilager, und wieder 2 Tage darauf die Brautmesse und das Brautmahl. Bei Luther waren zwischen Verlobung und Heirat (13./27. Juni) 14 Tage vergangen. Vom Kurfürsten von Brandenburg erhält das Ehepaar einen Beutel mit Gold. Um seine Unabhängigkeit zu beweisen wollte Luther diese Gabe zurückweisen, doch seine Ehefrau nahm sie dankend in der Haushaltskasse auf. Luther war, nach seinen Briefen, ein liebevoller Gatte, und Vater seiner 6 Kinder (je 3 Mädchen und Jungen).

Eisleben, 10.2.1546 Der heiligen, sorgfältigen Frauen Katharina Lutherin, Doctorin, Zülsdorferin zu Wittenberg, meiner gnädigen Hausfrauen … Euer Heiligkeit williger Diener M. L.

IV

 Heute richtete Frau Neisel nochmals die Aufmerksamkeit auf die gesellschaftlichen Gegebenheiten zur Zeit der Reformation und widmete sich vornehmlich der dunklen Seite dieser Zeit. Das Geld wurde, im Gegensatz zum Landbesitz, immer wichtiger. Aus dem Osten drohte die islamische Eroberung. Das Klima verschlechterte sich und die Ernährungslage wurde immer bedrohlicher. Das Rittertum verfiel und die Bauern und Leibeigenen wurden immer stärker ausgebeutet. In geistiger Hinsicht herrschte Weltuntergangsstimmung. Satan wurde immer mächtiger gesehen und es ging darum Verloren oder Nichtverloren zu sein. Und während die Machtverhältnisse neu geordnet wurden kam es zu blutigen Bauernaufständen.

Luthers Verhalten in dieser Zeit war ausgesprochen zwiespältig. Er vertrat die Zwei-Reiche-Lehre, die Unterscheidung zwischen dem Reich Gottes und der Welt,  Evangelium und Gesetz, oder Kirche und Staat. Zum jeweils ersteren gehörte das innere Reich, die Freiheit des Gewissens; zum jeweils zweiten die Obrigkeit, das Gewaltmonopol, das Schwert. Die Bauern waren z.B. mit den Forderungen nach freier Wahl ihrer Pfarrer (und auch Absetzung), der Abschaffung der Leibeigenschaft, nach freier Jagd und Fischerei, oder die Reduzierung der Frondienste, an die Obrigkeit gelangt. Luther warnte zunächst vor zu harter Haltung gegenüber diesen Forderungen, während er gleichzeitig gegenüber den Bauern die Ungleichheit als gottgegeben darstellte. Darüber überwarf er sich mit seinem Freund und Anhänger Thomas Müntzer, der im Gegensatz zu ihm die gewaltsame Befreiung der Bauern als notwendig erachtete und diese in ihrem Kampf unterstützte.

Müntzer schrieb: „Wider das sanftlebende geistlose Fleisch zu Wittenberg“

Während Luther meinte: „So soll die Obrigkeit hier nun getrost und mit gutem Gewissen dreinschlagen, solange sie eine Ader regen kann“

Bei der überaus blutigen Schlacht zu Mühlhausen verlieren über 100.000 Bauern ihr Leben und Müntzer wird nach langer Folterung getötet.

Als Zwischenspiel brachte Frau Neisel das von Luther komponierte Lied „Nun bitten wir den heiligen Geist“ zu Gehör, um danach mit dem Thema Luther und der Antisemitismus fortzufahren. Durch die Entstehung großer Geldhäuser, die Geld an Kaiser und Fürsten verliehen, wurden die Juden, denen allein das Geldgeschäft als Beruf erlaubt war, immer mehr dazu genötigt Geld an die ärmeren Gesellschaftsschichten zu verleihen, was zu Hass und Missgunst führte. Auch hierbei zeigte Luther zwei Seiten. Er nannte die Juden den Wurzelstamm an dem der christliche Zweig wächst. Den Hauptunterschied zwischen beiden Religionen sah er darin, dass im Christentum jeder Mensch die Gnade Gottes erlangen kann, auch wenn er fehlerhaft handelt, während im Judentum nur Derjenige der recht handelt von Gott angenommen wird. Und er forderte die Christen auf, durch ihr Verhalten, ein Vorbild zu sein, das die Juden zu Jesus führt. Aus Enttäuschung darüber, dass die Juden keineswegs zum Christentum konvertieren würden,  er vermutete vielmehr, dass die Juden missionieren würden und darum Bewegungen wie die Sabbater entstanden seien, schlug seine Haltung ihnen gegenüber um, und Luther wurde ein Judenhasser. In seiner Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“ (1543) wütet er:

– Man soll ihre Synagogen niederbrennen. – Man soll ihren Rabbinern das Lehren bei Androhung der Todesstrafe verbieten. – Man soll ihnen ihre Gebetbücher und Talmudim wegnehmen, die ohnehin nur Abgötterei lehrten. – Man soll ihre Häuser zerstören und sie wie Zigeuner (sic) in Ställen und Scheunen wohnen lassen. – Man soll den jungen kräftigen Juden Werkzeuge für körperliche Arbeit geben und sie ihr Brot verdienen lassen. – Man soll ihnen das „Wuchern“ (Geldgeschäft) verbieten, all ihr Bargeld und ihren Schmuck einziehen und verwahren. – Man soll ihren Händlern das freie Geleit und Wegerecht entziehen.

Allerdings, und das ist für die spätere Zeit wichtig, Luthers Judenhass war keineswegs rassistisch begründet.  Es wird sogar angenommen, dass die Kehrtwende, zumindest teilweise, seiner Krankheit und Depression geschuldet war. Wegen dieser körperlichen Beschwerden schrieb er, als er sich auf einer Dienstreise nach Eisleben befand, an seine Frau Katharina, diese befand sich in Mansfeld, von dort, dass er am liebsten nicht mehr nach Wittenberg zurück kehren würde. Dieser Wunsch erfüllte sich, allerdings anders als erwartet, denn Luther konnte Eisleben nicht mehr verlassen.

Dass Luther durchaus in der Lage war „realpolitisch“ zu handeln zeigt das Beispiel des Landgrafen Philipp von Hessen (Gründer der ersten evangelischen Universität, Marburg), dem Luther, der Landgraf war ein politisches Schwergewicht seiner Zeit, eine Doppelehe (unter Beichtgeheimnis) erlaubte. Das Bekanntwerden dieser bigamistischen Ehe schadete der Reformation jedoch sehr.

Am 18. Februar 1546 stirbt Luther in Eisleben und wird am 22. Februar in der Schlosskirche zu Wittenberg beigesetzt.

Lutherdenkmal in Eisenach

Lutherdenkmal in Eisenach

V

Am letzten Seminartag stellte Frau Neisel die Auswirkungen und Erwartungen unserer Zeit an die Reformation in den  Mittelpunkt ihrer Ausführungen. Den 30jährigen Krieg ließ sie, wohl weil es hierbei mehr um die Neuordnung der Machtverhältnisse gegangen ist, auch wenn der Auslöser die Rekatholisierung Böhmens gewesen war, außen vor. Im Mittelpunkt stand und steht noch immer das Verhältnis der Christen zu den Juden. Dass dies so ist, zeigt die Tatsache, dass sowohl der Lutherische Weltbund als auch die Lutherische Kirche in Amerika sich gedrängt sahen klare Worte der Verurteilung gegenüber den judenfeindlichen Denkmustern während der Reformationszeit auszusprechen. So heißt es in einer Erklärung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika:

Bedrückt durch die Mitschuld unserer eigenen Tradition innerhalb dieser Geschichte des Hasses, bringen wir darüber hinaus unseren dringenden Wunsch zum Ausdruck, unseren Glauben an Jesus Christus mit Liebe und Respekt für das jüdische Volk zu leben.

oder in der Kundgebung „Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum“ der EKD-Synode vom 8. – 11.11.2015:

2. Wir tragen dafür Verantwortung zu klären, wie wir mit den judenfeindlichen Aussagen der Reformationszeit und ihrer Wirkungs- und Rezeptionsgeschichte umgehen. Wir fragen inwieweit sie eine antijüdische Grundhaltung in der evangelischen Kirche gefördert haben und wie diese heute überwunden werden kann. Der Auseinandersetzung mit der Haltung Martin Luthers gegenüber Juden kommt dabei exemplaische Bedeutung zu.

Luthers großes Geschenk aber, an seine Zeit und an alle Christen, war seine Bibelübersetzung. So erhielt Frau Neisel, als junges Mädchen eine Luther-Bibel, die 1948 in Amerika gedruckt worden war, und von den Besatzungsmächten an jugendliche Deutsche verteilt wurde. Die Bibel jedoch als „Steinbruch“ zu verwenden, davor warnte Frau Neisel eindringlich, denn das führe zu Fundamentalismus und zu abwegigen Ansichten. Luther z.B. begründete mit solchen Bibelworten seine Auffassung, dass Kopernikus mit seinem Weltbild unrecht habe, oder rechtfertigte so die Hexenprozesse.

Das wohl mit am wichtigsten Thema unserer Zeit ist die Ökumene. Hierzu verwies Frau Neisel auf den Besuch der Lutherischen Gemeinde in Rom, von Papst Franziskus am 15. Nov. 2015, bei dem dieser sagte:

Mir scheint es auch grundlegend zu sein, dass die katholische Kirche mutig eine aufmerksame und ehrliche Neubewertung der Absichten der Reformation und der Person Martin Luthers unternimmt, und zwar vor dem Hintergrund der „Ecclesia semper reformanda“, der immer zu erneuernden Kirche. … Bitten wir heute um diese Gnade, die Gnade dieser versöhnten Verschiedenheit im Herrn, also im Knecht Jahwes, jenes Gottes, der zu uns gekommen ist, nicht um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen.

Und zum wechselseitigen Besuch des Abendmahls führte er aus:

Ein Glaube, eine Taufe, ein Herr, so sagt uns Paulus, und daraus ziehen Sie dann die Konsequenzen! Wenn wir dieselbe Taufe haben, müssen wir gemeinsam gehen. Auf die Taufe komme es an, nicht auf die unterschiedlichen Lehren von Amt und Eucharistie/Abendmahl.

Auf der Landessynode der  Evangelischen Kirche im Rheinland sagte Präses Manfred Rekowski unter anderem:

2017 feiern wir 500 Jahre Reformation. Sollte es das Erbe dieser abgrundtiefen Veränderungen zu Beginn der Neuzeit sein, dass wir nun gar keine Veränderungsmöglichkeiten mehr sehen? Dass wir uns keine andere Form kirchlicher Arbeit vorstellen mögen oder können? Kann es unsere Haltung sein, angesichts der Herausforderungen an allen Orten den Kopf zu senken und auf ein „Weiter so“ zu hoffen? „Weiter so!“ ist kein Satz aus den Bekenntnisschriften unserer Kirche. Wir feiern mit dem Reformationsjubiläum nicht das „500-jährige Firmenbestehen“. Reformation ist kein Zustand, sondern eine Bewegung, ein Prozess, der sich nicht nur auf die „Kirchen der Reformation“ beschränkt.

und weiter:

Wenn man hört, liest und erlebt, was unsere katholischen Mitchristen bewegt, wie viele Berührungspunkte es gibt, dann ist das auch eine besondere Form von „Kirchengemeinschaft“. Wenn wir gemeinsam über die zukünfitge Gestalt von Kirche nachdenken, dann zeigt sich, dass wir Kirchen sind, die auf unterschiedliche Weise und auf verschiedenen Wegen durch die Reformtion gegangen sind. Reformation ist nicht abgeschlossen, sondern dauert an. Wir hoffen auf eine „Befreiende Reformation“.

Frau Neisel endete ihr Seminar mit dem Aufruf „Vergessen wir die Liebe nicht“, sie ist das was uns alle, welcher Religionsgemeinschaft auch immer angehörig, verbindet.

Den Dank ihrer Seminarteilnehmer, in Form eines Blumenstraußes und einer Geldspende, nahm Frau Neisel herzlich dankend entgegen. Das Geld wird sie der Flüchtlingshilfe zukommen lassen.

Lutherkirche Bad Neuenahr-Ahrweiler

Lutherkirche Bad Neuenahr-Ahrweiler