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Ein Feuerwerk an Informationen zum Thema „Placebo und Nocebo“ brannte am Mittwoch Dr. med. Magnus Heier, innerhalb seiner Vortragsreihe „Die Welt im Kopf“, ab. Anhand treffender Beispiele zeigte Dr. Heier auf, wie unser Gehirn reagiert.

Da war z.B. Derek Adams, von seiner Freundin verlassen, Teilnehmer an einer Medikamentenstudie für Antidepressiva, wollte nicht mehr leben und nahm 29 Tabletten dieses Mittels ein um aus dem Leben zu scheiden. Sein Blutdruck sackte ab und es kam zu einem massiven Kreislaufversagen. Als jedoch festgestellt wurde, dass Adams ein Placebo-Proband war, und ihm dies mitgeteilt wurde, gesundete er praktisch sofort wieder.

Oder die Lehrerin, die im Klassenzimmer plötzlich Benzingeruch wahrnimmt, dies äußert und ein Großteil der Schüler mit Symptomen von Reizhusten und Vergiftungen im Krankenhaus landen. Eine Quelle für den vermeintlichen Geruch wurde nicht gefunden.

Noch schlimmer erging es jenem Mann, der von einem Magier verzaubert und zum Tod verurteilt wurde. Er magerte daraufhin ab und wurde immer kränker, bis ihm ein Arzt sagte, dass der Magier ein Echsenei in ihn gezaubert habe und die geschlüpfte Echse ihn von innen aufzehren würde. Er, der Arzt, würde jetzt einen Gegenzauber machen. Also verabreichte er dem Mann ein Brechmittel und fingerte, mit einem Taschenspielertrick, eine tote Echse aus dem Erbrochenen. Die „Echse“ konnte keinen Schaden mehr anrichten und der Mann wurde wieder ganz gesund.

Normalerweise ist der Montag der patientenreichste Tag in einer Arztpraxis. 18 Jahre lang war es jedoch, seit den 60er Jahren, einmal monatlich der Dienstag und weitere 18 Jahre der Donnerstag. Grund hierfür: die TV-Sendung „Gesundheitsmagazin Praxis“ von Hans Mohl. In Medizinerkreisen wurde deshalb auch von der „Mohlschen Krankheit“ gesprochen.

Alle diese Beispiele zeigen, dass es unsere Erwartungen und Befürchtungen sind, die den Körper massiv beeinflussen. Placebo ist es auch, wenn große Tabletten, und sehr kleine, wirksamer sind als mittelgroße, noch besser „wirken“ Kapseln, übertroffen von Spritzen, und ganz wirksam sind diese, wenn vom Arzt, oder gar Chefarzt, höchstselbst appliziert, und darüberhinaus ein dunkelviolettes Serum enthalten.

Ja selbst nationale Unterschiede wurden bei den Patienten, die über allgemeines Unwohlsein klagen, festgestellt. In Frankreich ist davon die Leber betroffen, in England die Verdauung und in Deutschland das Herz. So erklärt sich auch, weshalb in Deutschland die meisten Herzkatheder gelegt werden.

Bei einer Versuchsreihe wurde den Probanden eine Metallplatte auf den Arm gelegt und diese erhitzt. Die Versuchsteilnehmer mussten angeben welchen Grad des Schmerzes sie dabei empfinden würden, wobei die 1 als vernachlässigbar galt und die 10 als maximaler Schmerz. Bei Stufe 7 wurde dann eine Infusion mit einem angeblichen Schmerzmittel durchgeführt, und die Teilnehmer empfanden daraufhin sofort eine Linderung, obwohl die Hitze immer noch bei 7 stand.

Gar als Voodoo der modernen Medizin bezeichnete Dr. Heier den Beipackzettel der Arzneien. Die Lektüre all der Nebenwirkungen kann schon eine Heilung erschweren oder besagte Nebenwirkungen hervorrufen. Seiner Ansicht nach ist der Beipackzettel allein für die Juristen geschrieben und er empfiehlt, dass der Patient seinen Arzt oder Apotheker fragen sollte welche Angaben im Beipackzettel für ihn relevant sind. Eindringlich warnt er jedoch davor, die Medikamente abzusetzen, die Dosis zu halbieren oder zu verdoppeln. Eine Änderung dürfe nur nach Absprache mit dem Arzt erfolgen. Für diejenigen Patienten, die mehrere Medikamente einnehmen müssen hat er den Rat, mit den Medikamenten, oder einer Liste von diesen, zur Apotheke zu gehen und zu fragen, ob die Einnahme problemlos sei, denn viele Medikamente haben Wechselwirkungen, heben die Wirksamkeit des anderen Medikamentes auf oder verstärken Nebenwirkungen.

Ein weiteres Thema waren die Rückenschmerzen. Dr. Heier führte hierzu aus, dass ohne neurologische Ausfälle, wie Lähmung, Taubheit, Blasen- oder Darmschwäche, im Zusammenhang mit dem Rückenschmerz kein Anlass besteht, ein Bildgebungsverfahren oder gar eine Operation einzuleiten. Diese Schmerzen sind meistens erfolgreich durch Bewegungs- und Muskelstärkungstherapien zu lindern bzw. zu heilen.

In Deutschland ebenfalls sehr beliebt sind Knieoperationen (Arthroskopien). Bei einer Studie wurden die Kniepatienten entweder operiert oder nur ein Hautschnitt gemacht. Dabei war der Erfolg bei allen Patienten der gleiche. Die Knieschmerzen waren entweder verschwunden, weniger stark oder immer noch vorhanden, ganz egal ob eine echte Operation stattgefunden hatte.

Testreihen mit Weinkonsumenten ergaben folgendes Ergebnis. Wurde der verabreichte Wein als teuer und besonders gut dargestellt, fanden ihn die Probanden besser als den weniger teuren. Dass in beiden Fällen der gleiche Wein konsumiert wurde bemerkten die wenigsten. Auch die Beleuchtung spielt hierbei eine große Rolle und bestimmt Geschmack und Farbe. Das geht sogar so weit, dass bei entsprechendem Licht Weißwein als Rotwein, oder umgekehrt, empfunden wird.

Bei Konzertübertragungen im Fernsehen hört mensch das Instrument besonders deutlich das gezeigt wird, mensch hört was mensch erwartet.

Beispiele für Nocebo sind die Seekrankheit oder die Laktoseintoleranz. Allein schon die Befürchtung ein solches Leiden zu bekommen reicht oft aus. Bekannt ist auch die Strahlungsangst (Sendemasten, Handy). Viele Menschen leiden darunter, auch wenn die Strahlen- oder Schallquelle bei Windkraftanlagen (Infraschall) abgeschaltet ist.

Wie soll sich der mündige Patient verhalten? Dr. Heier empfiehlt dazu, Beipackzettel garnicht zu lesen, sondern die Medikamentierung mit dem Arzt oder Apotheker zu besprechen. Checkups findet er unsinnig, ausgenommen Vorsorgeuntersuchungen die zumindest überlegenswert sind. Privatpatienten leben in dieser Hinsicht besonders „gefährlich“, da bei ihnen gerne Untersuchungen, ja sogar Operationen, vorgenommen werden, nur weil die Kasse diese bezahlt, und das besonders großzügig. Ärzte, auch er selbst, so sagt er, lieben Privatpatienten. Bildgebungsverfahren sind oft überflüssig, denn gerade bei Schmerzzuständen können diese nicht wirklich aussagekräftig sein. Eine verschlissene Wirbelsäule muss keine Probleme machen, eine gut aussehende kann dies jedoch durchaus.

Dass den modernsten Untersuchungsmethoden nicht immer zu trauen ist belegte Dr. Heier mit dem folgenden Beispiel. Um zu sehen wo im Gehirn Glück und Traurigkeit lokalisiert sind, wurden den Probanden Bilder von lachenden bzw. traurigen Kindern gezeigt. Je nachdem welche Hirnregion aktiv wurde, erbrachte dies den entsprechenden Nachweis. Als jedoch einem toten Lachs, nachdem er über das Verfahren aufgeklärt worden war, die entsprechenden Bilder gezeigt wurden, leuchteten auch hier noch Hirnregionen auf. Merke also, selbst die allerneuesten Methoden sind nicht immer fehlerfrei! Dr. Heier leitet daraus den Rat ab, holen Sie sich vor einer schwerwiegenden Entscheidung immer noch eine zweite Meinung ein. Der Patient bestimmt was mit ihm geschieht, und zwar nur er allein.

Aus all dem Gehörten ergibt sich für mich allerdings diese Frage: wenn schon die Auswirkungen von Placebo und Nocebo so gut erforscht und belegt sind, weshalb werden die angehenden Ärzte nicht dazu angehalten dies immer im Blick zu haben? Weshalb gibt es dann immer noch so wenige ganzheitlich behandelnde Ärzte?