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In einem Haus in dem die Musik allgegenwärtig ist (viele großartige Konzerte; Mundharmonikaclub; Offenes Singen; Rhythmusgruppe mit Schlaginstrumenten; Tanzgruppe) verwundert es nicht, dass ein Vortrag über das Thema „Was die Musik in unserem Gehirn bewirkt“ zahlreiche Zuhörer anlockte. Und es verwundert auch nicht, dass unsere Kulturreferentin die Zuhörer und den Referenten des Abends, Dr. Magnus Heier, mit der Feststellung: „ich kann mir sehr wohl die Welt ohne Kathedralen vorstellen, ohne Musik jedoch nicht“ begrüßte, indem sie sich auf den Roman „Nachtzug nach Lissabon“ bezog, in dem Pascal Mercier seinem Protagonisten die Worte: „eine Welt ohne Kathedralen kann ich mir nicht vorstellen“, in den Mund legte.

In der Reihe „Welt im Kopf“ hielt Dr. Heier gestern seinen vierten und letzten Vortrag. Wie gewohnt bot er, in seiner eloquenten und humorvollen Art, eine Fülle von Informationen zur Musik und zum menschlichen Gehirn.

Musik gibt es überall und, so ist zu vermuten, seit dem Paläozän. Bei den Primaten sowieso, aber auch in der übrigen Tierwelt und in allen Kulturen der Menschheit. Das erste nachweisbare Musikinstrument, vor 40.000 Jahren aus Tierknochen gefertigt, wurde in einer Höhle in der Schwäbischen Alb gefunden. Interessanterweise fand sich nur 70 cm von der Flöte entfernt eine weibliche Figur, „Venus von Hohlefels“, was durchaus den Schluss nahelegen könnte, dass Musik schon damals zur emotionalen Stimulans genutzt wurde, dass die Musik in etwa so wie das Pfauenrad bei der Balz eingesetzt wurde.

Die erste Aufzeichnung von Musik ist hingegen vor nur 156 Jahren erfolgt. Mittels eines Phonoautografen wurde das Lied „Au Claire de la Lune“ (eine Hörprobe ist bei „Spiegel Online“ zu finden – grauenhaft anzuhören) aufgenommen.

Musik stärkt aber auch den Gruppenzusammenhalt. Kinderlieder festigen die familiäre Bindung. Chöre bilden Gemeinschaften, Wander-, Kampf- und Fanlieder einen die verschiedenen Verbände. Und auch zur Stimmungsmanipulation kann die Musik eingesetzt werden. Dieser Aspekt wirkt sich im Kino, aber auch in Verkaufstempeln aus. Wenn der Mensch seine Dopaminausschüttung (das Glückshormon) anheben will (um 6-9%), dann sollte er Musik hören, Musik die ihm gefällt und die er gerne hört, denn auch das Gegenteil ist möglich. So werden z.B. Junkies vom Hamburger Hauptbahnhof vertrieben, indem sie mit Mozartmusik beschallt werden. Ob es an Mozart oder der Lautstärke liegt?. Besser noch als Musik zu hören, wirkt es, Musik zu machen. Ob mit Instrument oder der eigenen Stimme ist egal.

Zwar behaupten viele Befragte, dass sie unmusikalisch seien, aber in Wirklichkeit trifft dies nur auf 4% tatsächlich zu. Bei Untersuchungen mittels eines EEG wurde so festgestellt, dass beim Einspielen eines falschen Tones, dies im Gehirn registriert wurde, auch wenn der Proband den falschen Ton nicht hörte. In einem anderen Experiment – wozu mensch nicht alles bereit ist um der Wissenschaft zu dienen – wurde einer Schwangeren, in den letzten drei Monaten vor der Niederkunft, jeden Tag, 30 Minuten lang das selbe Lied vorgespielt. Nach der Geburt wurde ein Jahr lang gewartet und dann wurde der Säugling zwischen zwei Lautsprecher platziert. Aus dem einen Lautsprecher erklang das Experimentierlied und aus dem zweiten ein ganz anderes. Der Säugling drehte seinen Kopf jeweils zu „seinem“ Lied hin. Seien wir also immer vorsichtig mit dem was wir in Gegenwart einer schwangeren Frau äußern. Denn ab der 23. Woche ist das Gehör eines Embryos ausgebildet und er hört den Puls, die Stimme(n), Darmgeräusche und Musik.

Musikgeschmack vererbt sich, aber nur ganz früh gehörte Musik bleibt im Gehirn gespeichert. In unserem Gehirn, mit einem Gewicht von rund 1,5 kg, ist eine riesige Musikbibliothek gespeichert. Nicht nur die Melodie, auch der Text und die damit verbundene Situation. Für eine wirkungsvolle Erinnerungsreise empfiehlt Dr. Heier das Anhören von Schallplatten, die wir zu einer bestimmten Zeit besonders gemocht haben. Da würden sämtliche Erinnerungen geweckt und alle damit verbunden Umstände zurück geholt. Frau F., eine ehemalige, über 100 Jahre alte, Patientin von Dr. Heier war, aufgrund einer Demenz, total sprachlos, emotionslos und reaktionslos. Ausgenommen es setzte sich jemand zu ihr um mit ihr alte Lieder zu singen. Dann konnte Frau F. sämtliche Strophen text- und melodiesicher wiedergeben und in ihrem Gesicht breitete sich ein Lächeln aus.

Während das Sprachzentrum im Gehirn eng begrenzt ist, verteilt sich die Musikwahrnehmung über beide Gehirnhälften – Harmonien rechts, Rhythmus links. Ravel z.B. konnte im Alter keine Harmonien mehr zu Papier bringen. Unsere zwei Ohren – für die Ortung wichtig – ermöglichen uns, in den Harmonien auch Obertöne zu hören. Als Besonderheit, es wird davon ausgegangen, dass ungefähr 4% der Menschen über dieses Phänomen verfügen gibt es Menschen, die die Gabe der Synästhesie besitzen. Sie sehen Töne, andere wieder Zahlen, als Farben. Töne zeichnen sich durch eine gerichtete Schwingung aus, während Geräusche unregelmäßig schwingen und von daher als unangenehm empfunden werden. Neben den bei uns üblichen Dur- und Moll-Tonleitern gibt es eine Fülle anderer, die bei Wikipedia mit Hörmustern aufgelistet sind.

Unser Gehirn ist, so Dr. Heier, einer Baustelle vergleichbar, auf der ständig umgebaut, abgerissen, neu aufgebaut und verändert wird. So ist es nicht verwunderlich, dass an der Gestaltung bestimmter Hirnareale ablesbar ist, ob jemand viel Cello oder Klavier spielt (nicht jedoch ob dies gut gemacht wird). Bei Schlaganfallpatienten, deren Sprache gestört wurde, können diese, mit Unterstützung von Musik, schneller wieder zurück gewinnen. Zwar macht das Hören von Musik nicht klug, aber durch das Hören von Musik die einem gefällt kann der IQ, bei einem anschließenden Test, um 10 Punkte angehoben werden.

Zum Abschluss dieser, wie im Flug vorüber gegangenen, 90 Minuten verführte Dr. Heier das Auditorium zum Singen des Liedes „Der Mond ist aufgegangen“ – den Text hat er glücklicherweise auf die Leinwand projiziert, auf der auch viel Bildmaterial zu seinem Vortrag zu sehen war.