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Am Dienstag, dem 27.09., war der Journalist und Buchautor Ramon Schack im Augustinum, um aus seinem neuen Buch „Begegnungen mit Peter Scholl-Latour“, vor zahlreich interessierten Zuhörern, zu lesen. Bevor Ramon Schack mit der eigentlichen Lesung begonnen hat, nannte er einige Daten zu seiner persönlichen Vita. Im Juni 1971 in Kiel geboren, aufgewachsen in Bad Oldesloe und Studium der „Politischen Wissenschaft“ und „Osteuropastudium“ an der Uni Hamburg. Als 10jähriger lieh er sich in der heimischen Bibliothek sein erstes Buch von Peter Scholl-Latour aus, wozu die Bibliothekarin zuvor noch telefonisch die Einwilligung seiner Eltern eingeholt hat. Durch diese Lektüre wurde sein Interesse für Politik und die fremden Länder geweckt, so dass sich sein späteres Studium danach ausgerichtet hat. Er vermisse diesen Menschen schmerzlich, zu dem sich mit den Jahren und Begegnungen eine stille Freundschaft entwickelt hatte. Dessen Prognosen sich zumeist bewahrheitet haben und der bezüglich seiner Kritiker meinte: „wer schreibt darf nicht sensibel sein“; der das Ende der „Spassgesellschaft“ verkündete (nach dem 11.9.2001) und eine „Massenverblödung“ befürchtete; dem vorgeworfen wurde Feindbilder zu erzeugen und der doch meistens recht behielt.

Die Lesung begann Ramon Schack dann mit dem ersten Kapitel seines Buches, in dem er die letzte Begegnung mit Peter Scholl-Latour schilderte, die nur zwei Monate vor dessen Tod, im Juni 2014, stattfand.

Auszug aus dem Buch des 3 Seiten Verlag

Auszug aus dem Buch des 3 Seiten Verlag

Das erste Zusammentreffen fand 12 Jahre zuvor statt. Schack hatte bei Scholl-Latours Büro um ein Interview nachgefragt, das jedoch verweigert wurde. Als er seine Eltern in der Nähe von Hamburg besuchte, fand er dort eines seiner alten Lieblingsbücher von Scholl-Latour, das in den 1980er Jahren erschienene „Allah ist mit den Standhaften – Begegnungen mit der islamischen Revolution“. Mit diesem Buch in der Tasche traf er, im Hamburger Hauptbahnhof, auf den ICE nach Berlin, wo er in dessen Speisewagen Scholl-Latour entdeckte. Kurz entschlossen stürzte er in den Zug und bat den Schriftsteller um eine Signierung des Buches. Gleichzeitig ließ er durchblicken, dass seine Interviewanfrage abgelehnt worden war. Scholl-Latour, von seiner Zielstrebigkeit offensichtlich beeindruckt, gab ihm hierauf seine private Telefonnummer und sagte, dass er sich direkt an ihn wenden solle. Seit dieser ersten Begegnung hatte er jedes Jahr zu mehreren Interviews Gelegenheit und von dem „wir müssen zum Ende kommen“ wurde im Laufe der Jahre ein „Sie dürfen gerne noch bleiben“.

Ramon Schack arbeitete während seines Studiums beim NDR, zusammen mit Eva Herman in der Sendung DAS! Aus dieser Zeit konnte er Scholl-Latour eine Anekdote berichten, die sich folgendermaßen zutrug:

Auszug aus dem Buch des 3 Seiten Verlag

Auszug aus dem Buch des 3 Seiten Verlag

Auszug aus dem Buch des 3 Seiten Verlag

Nie stand bei Scholl-Latour das eigene Schicksal im Vordergrund und er ging auch nicht mit seinen Erlebnissen während der Nazizeit hausieren. Er wurde 1924 als Kind eines deutschen Hautarztes und einer jüdischen Mutter geboren. 1936 wurde er von seinen Eltern in ein Internat nach Fribourg (Schweiz) geschickt, um ihn vor Repressalien zu schützen. In diesem katholischen Internat lernte der Junge eine militante Religionsauffassung kennen und wurde so zu einem der tolerantesten Menschen. Als seinen Eltern 1940 die Geldüberweisungen in’s Ausland verboten wurden konnte das Schulgeld nicht mehr bezahlt werden und Peter Scholl-Latour musste, als „Halbjude“, nach Deutschland zurückkehren. In Kassel konnte er noch sein Abitur machen, wurde aber, nach dem Versuch sich nach Frankreich abzusetzen, 1945 in der Steiermark von der Gestapo verhaftet. Nach Ende des Krieges ging Scholl-Latour zu den französischen Fallschirmjägern und wurde in Indochina eingesetzt, wo seine Liebe zu Vietnam begann. Ab 1948 studierte er in Mainz und Paris.

Peter Scholl-Latour kannte wie kein anderer die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse der von ihm besuchten Länder. Schon frühzeitig prophezeite er die Niederlage der USA in Vietnam. Erstaunt nahm er zur Kenntnis, dass diejenigen, die einmal „Ho-Ho-Ho-Chimin“ rufend durch die Straßen gezogen waren, ihm später Antiamerikanismus vorwarfen. Und er erkannte früh, dass ein militärisch geführter Krieg gegen den Terror nicht möglich ist, da dieser partisanenmäßig vorgeht. Es war ihm auch schleierhaft, dass dieser Krieg, der nun schon 15 Jahre im Gange war keine Auswirkungen im Verhältnis des Westens zu Saudi-Arabien hatte. Denn gerade von dort ging die Islamisierung ja schließlich aus und wird der Antisemitismus besonders gepflegt, so dass nicht einmal amerikanische jüdische Journalisten einreisen dürfen. In Scholl-Latours Worten: „die engsten Verbündeten sind die größten Feinde“. Scholl-Latour war überzeugter Gaullist, aber nach de Gaulles Tod könne es auch keinen Gaullismus mehr geben.

Nach Ende der Trauerfeier für Peter Scholl-Latour, die im Hotel „Adlon“ in Berlin abgehalten wurde, blieb Ramon Schack noch allein zurück und hielt Zwiesprache mit dem aufgestellten Bild des Dahingegangenen. Dabei reflektierte er die Trauerrede von Hannah Arendt zu Karl Jaspers Tod und blickte nochmals auf seine Begegnungen mit dem Verstorbenen zurück.

Ramon Schack beim Signieren seines Buches

Ramon Schack beim Signieren seines Buches

An die Lesung knüpfte sich noch eine rege Diskussion an, bei der Ramon Schack einen fast revolutionären Vorschlag machte. Wie die Trennung von Staat und Kirche, so sollte auch eine Trennung von Staat und Wirtschaft, Wirtschaft im Sinne des jetzt vorherrschenden Kapitalismus, erfolgen. Aber welcher von unseren Politikern, das frage ich mich, würde wohl den Mut haben die Politik aus dem Würgegriff der Wirtschaft zu befreien.

Diese Lesung hat Lust auf das Buch gemacht und es ist schön, dass unsere Hausbibliothek es auch gleich am Abend angeschafft hat.