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Frau Dorothée Grütering wollte, in Zusammenarbeit mit der Kreis-Volks-Hoch-Schule Ahrweiler, ihre Zuhörer, unter dem Titel „Magie der Wirklichkeit – Ein Streifzug durch die Lateinamerikanische Literatur“ für den Magischen Realismus neu oder wieder begeistern. Als dessen Vater gilt in Lateinamerika der guatemaltekische Schriftsteller Miguel Ángel Asturias, der die indigenen Mythen der Maya in seinem Roman „Die Maismenschen“ mit der Realität, Kultur und Geschichte Lateinamerikas verbindet. Zunächst sprach sie allgemein über die Literatur und Schriftsteller der lateinamerikanischen Länder. Obwohl schon aus den Zeiten der Azteken oder Inkas literarisch-erzählerische Traditionen bestanden und diese in die lateinamerikanische Literatur einfließen, war diese in Europa völlig unbeachtet.  Viele der bekanntesten Vertreter lateinamerikanischer Literatur lebten im vorigen Jahrhundert in Paris. Dort, im Exil versuchten sie eine lateinamerikanische Identität zu schaffen. Allerdings hatten sie es außerordentlich schwer Übersetzer und Verlage für ihre Werke zu finden. Bücher, in denen das Wunderbare in den Alltag gebracht wurde und die Ahnengeister Teil der Gegenwart sind. Bücher, die im Gegensatz zum Sozialen Realismus standen und für die, Phantastik der Oberbegriff war. Das änderte sich erst in den 1960er Jahren mit dem Welterfolg „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel Garcia Marquez, der mehr als 30 Millionen mal verkauft wurde.

Nach dieser Einführung stellte Frau Grütering einige alte und neue Schriftsteller aus Lateinamerika vor. Der erste war der Brasilianer Daniel Galera, 1979 in São Paulo geboren, und sein Roman „Flut“. Darin kommt ein Fremder in einen Ort, den er sich sprichwörtlich aneignet, bevor er mit Fragen nach seinem Großvater, der dort während eines Festes attackiert wurde und daraufhin verschwunden ist, beginnt. Bei den Einheimischen ist der Aberglaube an den Geist dieses Großvaters noch sehr stark und dem Fremdling gelingt es das Geheimnis um seinen Opa zu ergründen. Frau Grütering sprach in diesem Zusammenhang von einer Sogwirkung der Erzählung.

Es folgte Gabriel Garcia Marquez, Kolumbianer, 1928 (vielleicht auch 1927) geboren, dessen Roman „Hundert Jahre Einsamkeit“ vermutlich in den meisten Bücherregalen vorhanden ist oder war. Marquez hatte ein sehr bewegtes Leben. Zuerst Jurastudent, dann Journalist und er beginnt sich intensiv mit Literatur und Poesie zu beschäftigen, besonders mit den Werken von Hemingway, Joyce und Faulkner. Es verband ihn eine starke Freundschaft mit Fidel Castro, die sogar zum Bruch mit seinem Kollegen Llosa führte. Außerdem war er, und wurde deshalb auch angefeindet, mit den Staatsmännern Mitterand und Clinton befreundet. 1982 wurde Marquez mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. In „Das Abenteuer des Miguel Littin“ prangert er die Unterdrückung unter Pinochet in Chile an und mit „Nachricht von einer Entführung“ thematisiert er die Entführungen durch die Drogenmafia Kolumbiens. Garcia Marquez war immer auch ein politischer Schriftsteller. Er starb 2014 in Mexiko. Zu ihm meint Frau Grütering, dass eine Wiederlektüre sicher interessant sei.

Mario Vargas Llosa, 1936 geboren, Peruaner, ist nicht nur Schriftsteller sondern auch Politiker. Er wurde 2010 mit dem Nobelpreis geehrt. Sein neuestes Werk „Die Enthüllung“ ist sowohl ein erotisches Kammerspiel als auch ein politischer Schlüsselroman und thematisiert die Zeit der Fujimori-Diktatur in Lima. Die darin enthaltenen Sexszenen findet die Vortragende allerdings als unnötig.

Mit Àngeles Mastretta, geboren 1949 in Mexico, wird die erste Schriftstellerin vorgestellt. „Mexikanischer Tango“ ist ein leicht und locker geschriebener Roman, der die Zeit der 30er und 40er Jahre des  vorigen Jahrhunderts spiegelt. Für dieses Werk erhielt Mastretta den renommierten Literaturpreis Premio Mazatlán.

1947 in Rio de Janeiro geboren, wurde Paulo Coelho, wohl einer der bekanntesten Schriftsteller des lateinamerikanischen Raumes. Sein bekanntester Roman, „Der Alchimist“, wurde in 80 Sprachen übersetzt. Coelho wurde durch seinen Vater drei mal, in den Jahren 1966, ’67 und ’68, in einer Psychiatrie untergebracht. Ursache hierfür war unter anderem sein Drogenkonsum, dem er auf seiner unentwegten Sinnsuche anhing. In den 1970ern wurde er auch noch drei mal verhaftet, weil er politisch das regierende Regime bekämpfte. Frau Grütering stellte Coelhos neuestes Werk „Die Spionin“ vor, die Geschichte der Mata Hari, einer niederländischen Tänzerin, die vor und während des 1. Weltkrieges vermutlich auch für das deutsche Kaiserreich als Spionin tätig war und 1917 wegen Doppelspionage in Frankreich hingerichtet wurde. Coelho ist jedoch nicht nur Schriftsteller sondern auch stark sozial engagiert, unter anderem mit seiner Stiftung „Instituto Paulo Coelho“, die hilfsbedürftige Kinder, alte Menschen und Übersetzungen brasilianischer Literatur in andere Sprachen unterstützt.

Auch keine Unbekannte ist Isabel Allende, 1942 geboren als Tochter eines chilenischen Diplomaten in Lima. Ihr Roman „Das Geisterhaus“ wurde durch ihren Brief an den 1981 verstorbenen Großvater initiiert und erzählt die Geschichte einer chilenischen Familie von den 1920er Jahren bis in die 1970er, der Militärdiktatur unter Pinochet. Dieser Erstlingsroman wurde auch gleich ein Welterfolg. In ihrem neuen Buch „Der japanische Liebhaber“ thematisiert sie die drangsalierende Behandlung der Japaner in den USA während des Pazifik-Krieges.

Ein weiterer Nobelpreisträger ist Miguel Ángel Asturias, ein guatemaltekischer Schriftsteller, der 1899 geboren wurde und 1967 den Nobelpreis erhielt. Er war jedoch nicht nur Schriftsteller sondern auch Diplomat und als solcher Kulturattaché in Mexiko-Stadt, Argentinien und San Salvador. Während der Diktatur von Jorge Ubico Castañeda wurde er mit Schreibverbot belegt. In dem Roman „Der Herr Präsident“ schildert er den Prototyp eines Diktators. Und er zeigt die Mechanismen der Macht: Angst, Willkür, Spitzelei, Machtwillen und Grausamkeit als zentrale Elemente einer Diktatur. Ein, wieder, überaus aktuelles Buch.

Luiza Sauma, die Jüngste der Vorgestellten, Brasilianerin, schildert in ihrem Erstlingsroman „Luana“ die Gesellschaft der 1980er Jahre in Brasilien. Verwoben darin sind Luana, die Tochter des Dienstmädchens und André, der Sohn eines Schönheitschirurgen. Da eine solche Verbindung in der High Society keinen Bestand haben kann verlässt André das Elternhaus. Viele Jahre später erhält er, inzwischen verheiratet und Vater, in London lebend, Briefe von Luana, die ihm die Vergangenheit aber auch die Gegenwart in Brasilien näher bringen. Mit ihrer Liebesgeschichte ist die junge Schriftstellerin wieder zum Magischen Realismus zurück gekehrt, der in den letzten Jahren nicht mehr so aktuell war.

Frau Grütering wollte ihren Zuhörern den Magischen Realismus und die lateinamerikanischen Literatur neu oder wieder nahe bringen. Dies ist ihr wahrlich gelungen, denn in ihrer engagierten, lebhaften Vortragsart war immer wieder ihre Liebe zu dieser Literatur im Besonderen und zur Literatur im Allgemeinen, und dem Wunsch diese zu vermitteln, spür- und erlebbar.