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Im diesjährigen Fastenzeit-Seminar (3 mal an einem Freitag) unserer Mitbewohnerin Frau Helgrid Neisel, Pfarrerin i.R., war die vorlutherische Zeit Gegenstand, nachdem sie letztes Jahr ihr Seminar ganz dem Reformations-Jubilar Luther gewidmet hatte.

* Tag 1 *

Zur Einstimmung spielte Frau Neisel einen franz. Choral ein, dessen Inhalt ein Psalm war. Die Reformation als europäische Bewegung nahm schon im 12. Jahrh. mit Petrus Valdes ihren Anfang. Der Begründer der „Waldenser“, gesicherte Lebensdaten liegen nur vereinzelt vor, er lebte Mitte des 12. Jh., war ein Kaufmann aus Lyon (Frankreich), der sich dem Bibelstudium widmete. In den 1170er Jahren beauftragte er den Priester Stephan von Anse, die lateinische Bibelübersetzung, die Vulgata in die französische Sprache zu übersetzen. Während einer Hungersnot in diesen Jahren organisierte Valdes Armenspeisungen und hielt Lesungen aus der Bibel, in deren Folge er zahlreiche Anhänger um sich scharte. Die strikte Auslegung der Bibel führte zum Konflikt mit der katholischen Kirche und die Waldenser wurden, trotz vorübergehender Einigung, zu Häretikern erklärt und durch die Inquisition verfolgt. „Das Licht leuchtet in der Finsternis (Lux lucet in tenebris)“, so haben sich die Waldenser während der Verfolgung begrüßt. Trotz aller Verfolgung haben sie die Jahrhunderte überdauert und 2015 hat Papst Franziskus die Waldenser für ihre erlittenen Verfolgungen um Verzeihung gebeten.

Im 14. Jh. waren es John Wycliff (1330-1384) und Jan Hus (1371-1415), die wesentlich für die Reformation wirkten. Wycliff, ein englischer Philosoph und Theologe, vertrat die Lehre, der zufolge Gott selbst jede Autorität direkt verleiht und bestritt den politischen Machtanspruch des Papstes.

In seinem Hauptwerk, dem Trialogus, lehrte Wyclif pantheistischen Realismus, Determinismus und die doppelte Prädestination (determinatio gemina). Er lehrte: „Alles ist Gott; jedes Wesen ist überall, da jedes Wesen Gott ist.“ und „Alles, was geschieht, geschieht mit absoluter Notwendigkeit, auch das Böse geschieht mit Notwendigkeit, und Gottes Freiheit besteht darin, daß er das Notwendige will.“ (Wikipedia)

Aufgrund eines Erlasses des Konzils in Konstanz (1415), das ihn 30 Jahre nach seinem Tod als Ketzer verurteile, wurden seine Schriften verbrannt und seine Gebeine ausgegraben und ebenfalls verbrannt.

Jahn Hus war ein böhmischer Theologe und Prediger, der 1371 in Böhmen geboren wurde. Er lehrte an der Karls-Universität in Prag. Beeinflußt von den Lehren Wycliffs führte er den Gottesdienst in der Landessprache durch und predigte Gewissensfreiheit, wetterte gegen die Habsucht und das Lasterleben des Klerus. Auch kritisierte er den weltlichen Besitz der Kirche. Hus wurde mit dem Kirchenbann belegt und 1415, trotz Zusicherung des freien Geleits, auf dem Konzil von Konstanz, zusammen mit seinen Schriften, verbrannt, weil er sich standhaft weigerte zu widerrufen.

Mitte des 15. Jh. aber auch noch als Zeitgenosse der Reformatoren lebte Erasmus von Rotterdam, dessen Geburtsjahr zwischen 1464 und 1469 liegt. Er war ein niederländischer Gelehrter, Theologe, Priester, Augustiner-Chorherr und Philologe. Als unehelicher Sohn eines Priesters in Rotterdam geboren. Erasmus hielt sich in Paris, England und Italien auf. In Turin promovierte er zum Doktor der Theologie und in Cambridge war er als Griechisch-Lehrer tätig. Danach wirkte er in Basel, verließ diese Stadt jedoch, als sich dort die Reformation durchsetzte und ging nach Freiburg im Breisgau. 1516, also in seiner Basler Zeit, veröffentlichte er das erste vollständige gedruckte neue Testament in griechischer Sprache, womit er, trotz seiner Ablehnung derselben, doch zur Reformation beitrug. Er starb 1536 in Basel, wohin er zurück gekehrt war, und wurde im Basler Münster beigesetzt.

In der vorreformatorischen Zeit war Toleranz in unserem heutigen Sinne unbekannt. Andersdenkende wurden bekämpft und die Forderungen nach einer Bibel in der Landessprache, Teilnahme am Abendmahl, Abschaffung des Kirchenprunkes und der rigiden Hierarchie war, aus der Sicht des Staates, ein Angriff auf die Einheitskirche, die damals notwendig schien um einen Staat überhaupt führen zu können. Und doch gab es immer ein kritisches Bewegungspotential, sowohl im Juden-, als auch im Christentum.

Nach dieser Vorstellung der Vorreformatoren leitete Frau Neisel, mit einem musikalischen Zwischenspiel (wiederum ein franz. Psalmen-Choral aus dem 15. Jh.), zu den eigentlichen Reformatoren über.

Neben, aber auch gegen Luther waren dies im 16. Jh. ganz besonders Huldrych (Ulrich) Zwingli und Johannes Calvin. Zwingli, 1484 in Wildhaus (Schweiz) geboren, kam schon als 6jähriger Knabe zur Unterrichtung zu seinem Onkel, Dekan Bartholomäus Zwingli. Mit 10 Jahren wechselte er an eine Lateinschule in Basel und später in Bern. In diesen Schulen waren die Eleven meist bei schlechtem Esssen, ohne Heizung und wenig hygienischen Zuständen untergebracht. Über Wien kam er an die Universität in Basel wo er mit dem Magistertitel abschloss. 1506 wurde er zum Priester geweiht und in Glarus zum leitenden Pfarrer gewählt. In Glarus lernte Zwingli die griechische Sprache und konnte so das von Erasmus von Rotterdam im Urtext veröffentlichte Neue Testament lesen. Zwingli war ein guter und in seiner Gemeinde angesehener Pfarrer. Im Streit darum welcher Seite die Eidgenossen sich anschließen sollten, dem Kaiser, dem Papst oder den Franzosen, stellte sich Zwingli auf die Seite des Papstes und wurde Feldgeistlicher. Als jedoch in der Schlacht bei Marignano die Schweizer von den Franzosen vernichtend geschlagen waren kippte die öffentliche Meinung und Zwingli wurde, trotz weiterem Rückhalt in seiner Gemeinde, beurlaubt. Vom damaligen Abt des Klosters Einsiedeln wurde Zwingli als Leutepriester und Prediger an den berühmten Wallfahrtsort berufen. Dort predigte er gegen Wallfahrten und andere Missbräuche der Volksfrömmigkeit und stellte sich gegen das Söldnerwesen (Reisläufer) und wurde so ein Kritiker der damaligen kirchlichen Zustände. 1519 wurde Zwingli dann Leutepriester in Zürich, da auch der Zürcher Rat gegen das „Reislaufen“ war. Hier in Zürich übersetzte Zwingli in Zusammenarbeit mit Leo Jud (ein Schweizer Reformator elsässischer Herkunft) die gesamte Bibel aus dem Griechischen und Hebräischen neu in die eidgenössische Amtssprache. Diese Übersetzung, und das war 5 Jahre vor Luthers Bibelübersetzung, ist als Zürcher-Bibel bekannt. Der zum Pazifisten bekehrte Zwingli starb, durch die katholischen Innerschweizer ermordet, 1531 in Kappel (2. Kappeler Krieg). Sein Leichnam wurde gevierteilt, verbrannt und die Asche im Wind zerstreut.

Johannes Calvin (1509-15064) war ein franz. Reformator und als solcher Begründer des Calvinismus. Calvins Mutter, flämischer Abstammung, erzog ihren Sohn mit römisch-katholischer Frömmigkeit, starb jedoch bereits, als der Junge erst 5 Jahre alt war. Calvin war ein kränklicher Junge der zunächst Römisches Recht und später Jura studierte. Dieses Studium beendete er als Lizentiat (Lehrerlaubnis) des Rechts. Die angebotene Doktorenwürde lehnte er jedoch ab. Von Melchior Volmar, einem Lehrer für Griechisch und Anhänger Luthers, wurde er für humanistische Studien begeistert. Als Frucht dieser Studien veröffentlichte er einen Kommentar zu Senecas „De clementia“ („Über die Milde“). Während seines zweiten Aufenthaltes in Paris lernte Calvin einen Kreis „evangelischer Christen“ kennen und beschäftigte sich in diesem Zusammenhang mit der reformatorischen Lehre. Die Antrittsrede seines Freundes Nikolaus Kop als neuer Rektor der Pariser Universität, in der die lutherische Lehre als rechtgläubig bezeichnet und zur Anerkennung der „Evangelischen“ aufgerufen wurde, führte dazu, dass sowohl Kop als auch Calvin aus Paris flüchten mussten. Im Exil von Nérac entwickelte sich Calvin zum Reformator und kehrte nach Paris zurück. Doch nochmals musste er fliehen und kam 1535 nach Basel, das bereits evangelisch war. Bei einer Reise nach Straßburg wurde er in Genf gebeten sich für die Reformation einzusetzen. Er blieb und arbeitete eine strenge, ja geradezu unterdrückende Gemeindeordnung, aus. Diese fand wenig Gegenliebe und Calvin wurde aus Genf verwiesen. Er reiste nach Straßburg, wurde Professor für die biblische Lehre und betreute die französische Flüchtlingsgemeinde. 1541 kehrte er wieder nach Genf zurück und setzte dort die Genfer Kirchenordnung und 1542 den zweiten Genfer Katechismus durch. Calvin hatte auch keine Skrupel Theologen, die eine, nach seiner Sicht, falsche Lehre vertraten, hinrichten zu lassen. 1559 gründete er die Genfer Akademie, die Hochschule des Calvinismus.  Die von ihm festgelegte Hierarchie der Kirche bestand aus vier Rängen: den Pastoren (für das Gottesdienstliche), den Lehrern (für den kirchlichen Unterricht), den Ältesten (für rechtliche Fragen und gleichzeitig Mitglieder des Rates der Stadt) und den Diakonen (für die Armenbetreuung). Calvin verstarb 1564 in Genf.

Im Gegensatz zur evangelisch-lutherischen Kirche etablierte sich in der Schweiz die evangelisch-reformierte Kirche.

* Tag 2 *

Auch diese Seminarstunde begann mit einem franz. Choral. Die Reformation war keineswegs eine Sache des 16. Jh., also die Jahre um Luther. Es war vielmehr ein Prozess, der sich über einen langen Zeitraum hinzog und in ganz Europa wirkte. Den 2. Tag ihres Seminars widmete Frau Neisel dem, allgemein eher zu wenig beachteten obwohl wichtigen Martin Bucer, dem schottischen Kirchenreformer John Knox und den Hugenotten.

Martin Bucer, 1491 in der elsässischen Gemeinde Schlettstadt geboren, wurde in einem Internat der Dominikaner erzogen und trat im Alter von 15 Jahren dem Orden bei. 1517 ging er an die Universität von Heidelberg, wo er ein Jahr später, anlässlich der Heidelberger Disputation, Luther kennen lernte. Bucer wandte sich der Reformation zu und trat 1521 aus dem Orden aus. Bucer, so ein kleines aber nicht unwichtiges Detail am Rande, heiratete, noch bevor Luther dies mit Katharina von Bora tat,  Elisabeth Silbereisen, eine ehemalige Nonne. Das Ehepaar zog nach Weißenburg im Elsass. Dort unterstützte er den Ortspfarrer bei der Einführung der Reformation und wurde daraufhin vom Bischof von Speyer exkommuniziert. 1523 wurde Bucer vom Papst mit dem Kirchenbann belegt und suchte daraufhin Asyl in Straßburg. Hier wurde er ordiniert und 1524 zum Pfarrer gewählt. In der Folgezeit war sein ganzes Bestreben die Einheit der Kirche zu bewahren. 1536 erzielte er endlich mit Luther eine Übereinkunft über die Beilegung des  Abendmahlstreites und er hatte auch keine Scheu mit den Katholiken zu verkehren. So beteiligte er sich in den Jahren 1540/41 an den Religionsgesprächen in den Städten Hagnau, Worms und Regensburg, die dem Versuch galten einen Ausgleich zwischen Katholiken und Protestanten zu finden. Im Auftrag des hessischen Landgrafen Philipps I. verfasste er bereits 1539 die „Ziegenhainer Zuchtordnung“, die Grundlage des hessischen Kirchenwesens. Mit ihr wurde auch die Konfirmation eingeführt. 1541 verstarb seine Ehefrau, auf deren Wunsch er 1542 die dreifache Witwe Wilbrandis Rosenblatt heiratet, die mit ihm auch ihren 4. Reformatoren-Gatten überlebt. Nach einem einjährigen Aufenthalt in Bonn kehrte Buser nach Straßburg zurück, musst die Stadt jedoch 1549 verlassen, weil er sich der katholisierenden Neuordnung des Kirchenwesens durch Kaiser Karl V. widersetzte. Bucer emigrierte nach England und wurde Professor für Theologie an der Universität von Cambridge. 1551 verstarb Bucer in Cambridge. 1555 wurde durch den „Augsburger Religionsfrieden“ festgelegt, dass der jeweilige Landesherr über die Religion, ob katholisch oder protestantisch, seiner Untertanen bestimmt. England kehrte unter Maria Tudor, Königin von 1553 bis 1558, zum Katholizismus zurück und Bucer wurde 1557 exhumiert und als Ketzer, zusammen mit seinen Schriften, verbrannt.

Bucer (Mitte) moderiert das Streitgespräch zwischen Zwingli und Luther. Bild durch „Forschungsstelle der Heidelberger Akademie der Wissenschaften“ zu Bucers deutschen Schriften http://www.adw.uni-heidelberg.de/bucer/seiten/vita.php?active_menu=m_id2

Die Zeit der schottischen Reformation wurde von unserer Mitbewohnerin Brigitte Loudon, die mit ihrem schottischen Ehemann in London lebte, und dort auch eine theologische Ausbildung absolviert hat, vorgestellt. Frau Loudon konzentrierte sich auf die Zeit nach 1550, der Periode also, in der John Knox aufgrund der Thronbesteigung von Bloody Mary (nein, nicht der Cocktail), Königin Mary I. Tudor, nach Genf fliehen musste, wo er ein Anhänger von Johnannes Calvin wurde. Nach seiner Zeit in Frankfurt  am Main und einem kurzen Aufenthalt (1555) in Schottland kehrte er nach Genf  zurück, wo er das Predigeramt der englischen Gemeinde übernahm. Knox wurde zum Wegbereiter der calvinistischen Reformation, die sich in ganz Schottland durchsetzte. In Genf verfertigte er auch eine Übersetzung der Bibel ins Englische (Genfer Bibel). In dieser Zeit verfasste er auch ein Pamphlet gegen die regierenden katholischen Frauen Europas, womit er besonders die Regentin von Schottland und deren Tochter Maria Stuart angriff. Als 1558 die anglikanische Elisabeth I. den Thron von England bestieg kehrte John Knox im Jahr 1559 wieder nach Schottland zurück. 1560 wurde die Kirche Schottlands endgültig presbyterianisch. Nach dem Tod ihrer Mutter kehrte Maria Stuart nach Schottland zurück und hielt an ihrem Hof katholische Gottesdienste ab. Hierauf wurde sie von Knox scharf angegriffen, was zu einem Hochverratsprozess gegen ihn führte, der jedoch im Jahr 1563 mit einem Freispruch endete. Knox war sehr viel an der Volkserziehung gelegen, was zu Schulgründungen und allgemeiner Schulpflicht (200 Jahre vor Deutschland) führte. Die protestantische Strenge, so Frau Loudon nach eigener Erfahrung, ist in den Dörfern auch heute noch spürbar.

Die französischen Protestanten sind seit den 1560er Jahren allgemein unter dem Begriff Hugenotten erfasst. Die Unterdrückung der reformatorischen Gläubigen durch Kirche und König führte in der zweiten Hälfte des 16. Jh. zu Glaubenskriegen. Zwar war durch das Edikt von Nantes (1598) unter Heinrich IV. eine zeitweilige Beruhigung der Lage eingetreten, diese hielt jedoch nur bis 1628 an. Schon 1572 war die sogenannte Bartholomäusnacht  ein trauriger Anlass für zahlreiche Flüchtlingsströme. Tausende wurden in dieser Nacht und den folgenden Monaten ermordet, ob in Paris oder auf dem Land. Unter Ludwig XIV., dessen Maxime eine Kirche, ein Gesetz, eine Religion war, und dem Edikt von Fontainebleau (1685), strebte die Unterdrückung einem dramatischen Höhepunkt entgegen. Es folgte eine Fluchtwelle der Hugenotten in die protestantischen Länder Europas und Übersee.

Ganz Deutschland profitierte seinerzeit in erheblichem Umfang von den gut ausgebildeten hugenottischen Flüchtlingen. Von den rund 40.000 Flüchtlingen kamen allein 20.000 nach Brandenburg-Preußen. Ihre Privilegien und Kredite fanden bei der ansässigen Bevölkerung nicht immer Verständnis, (womit wir plötzlich wieder in der Gegenwart gelandet wären, aber das wirklich nur in Parenthese). Der Einfluss dieser Zuwanderung ist noch heute, ob in Kultur, Wissenschaft oder in der Namensgebung, spürbar.

Abschließend zu dieser Seminarstunde bemerkte Frau Neisel, dass das Protestantische Prinzip, das kritische Hinterfragen, schon in der Bibel angelegt war und Papst Franziskus ein namhafter Vertreter dieser Richtung sei. Denn ein Glaube ohne das lebendige Werk ist tot (Lutherbibel 1912 und Jakobus 2:18).

* Tag 3 *

Dieser Abschlusstag des Seminars wurde von Frau Neisel dem Aufbau und den Unterschieden der reformierten Kirche gewidmet. Zunächst stellte sie die Brüdergemeinde der Herrnhuter, genannt nach ihrer Siedlung Herrnhut, vor. Diese wurden in der Nachfolge des böhmischen Reformators und Märtyrers Jan Hus im 18. Jh. von Böhmischen Brüdern aus Mähren gegründet. Vorausgegangen waren Aufspaltungen der Hussiten, die Hussitenkriege und neuerliche Aufsplitterungen in militante und pazifistische Gruppierungen, sowie eine weitere Spaltung in Große Partei und Kleine Partei. Infolge des 30jährigen Krieges (1618-1648) wurden die Brüder fast vollständig vernichtet. Die Herrnhuter haben die Tradition der Losungen begründet. Dabei wird durch Auslosung für jeden Tag des Jahres ein alttestamentlicher Text festgelegt. Dieser wird durch einen ausgewählten Lehrtext aus dem Neuen Testament und durch ein Gebet ergänzt. Die Losungen der Herrhuter gelten als Texte für alle Christen und werden in über 61 Sprachen aufgelegt.

Die reformierten Kirchen sind Lernkirchen, in deren Mittelpunkt das Wort steht. So ist die Blickrichtung in diesen Kirchen nicht auf den Altar gerichtet sondern auf die Kanzel, dem Verkündungsort des Wortes (s. Bild unten, rechte Seite). Bereits 1531, noch vor Luther, gibt Zwingli die erste evangelische Vollbibel in deutscher Sprache heraus, die sehr nahe am Urtext (alle Bibeltexte sind ja Übersetzungen, denn die Sprache Jesu war aramäisch) ausgerichtet ist. Gerade diese Zuwendung zum Wort, das Alles hinterfragen, die Kontakte zu den jüdischen Rabbinern, machte schlussendlich den Erfolg und Wert der Reformation aus. Unter diesem Gesichtspunkt ist es auch nicht verwunderlich, dass die Bildungsfrage der Gemeindeglieder ein wesentliches Ziel war und im 17. Jh. war es besonders Johann Amos Comenius (Philosoph, Theologe und Pädagoge sowie Bischof der Unität der Böhmischen Brüder), der sich für die Bildung der Kinder einsetzte.

Kirche zur Zeit Calvins, mit städtischer Bevölkerung
(Deutsches Hist. Museum dhm.de)

Alle Kirchenämter sind Wahlämter, so dass eine Kirche von Unten entsteht, also erste demokratische Ansätze verwirklicht. Eingedenk der Warnung Calvins, dass es gefährlich sei wenn die Kirche auf eine Person ausgerichtet ist. Die Kirchenverfassung ist presbyterial-synodal. Die Gemeinde wird durch das Presbyterium geleitet (wörtlich „Ältestenrat“). Dem Neuen Testament entsprechend gibt es nicht nur das geistliche Amt der Pfarrer, sondern vier geistliche Ämter: Die Pastoren oder Pfarrer (Minister Verbi Divini); die Lehrer (s. Bild linke Seite – Prüfung und Unterweisung der Kinder); die Diakone; die Ältesten. Die Gemeinden entsenden ihre Vertreter in die Synode. Alle vier Amtsvertreter haben die gleiche Würde. Unterschiede bestehen zwischen der evangelisch-reformierten und der evangelisch-lutherischen Kirche. So ist in der lutherischen Kirche das Ziel, den gläubigen Seelen eine Heimat zu geben, während die reformierte Kirche mehr der Praxis zugewandt ist. Auch in der Frage des Abendmahls gibt es Differenzen. Bei den Lutheranern ist beim Abendmahl Leib und Blut Christi real vertreten, während bei den Reformierten das Abendmahl als Symbol betrachtet wird. Das Abendmahl wird im Gegensatz zu den Katholiken auch nur an hohen Festtagen gefeiert. Strenger ist auch die Kirchenausstattung geregelt. Bei den Herrnhutern ist die Kirche beispielsweise ein rein weißer Raum. Anhand des evangelischen Gesangbuches (mit den Fragen 1, 96 und 103) zeigte Frau Neisel die Ableitung aus dem Heidelberger Katechismus des Jahres 1563.

Aber auch die problematische Seite der reformierten Kirchen ließ Frau Neisel nicht unerwähnt. Dazu gehört die Lehre der Prädestination, die von Augustinus bis zu den Reformatoren zu einer Lehre der doppelten Prädestination entwickelt wurde. Manche Menschen werden durch Gottes Gnade zum ewigen Leben bestimmt, andere von Gott getrennt. Demgegenüber steht schon im Heidelberger Kathechismus: „Der Tod Gottes ist Bezahlung für unsere Schuld“ (ev. Gesangbuch Seite 1331 Frage 1).  In den calvinistischen Kreisen entstand die Vorstellung, dass ein gutes Vermögen darauf hindeutet, dass man auserwählt sei. In seiner Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ schreibt der Soziologe Max Weber (1864-1920) daher dem Calvinismus eine herausragende Rolle bei der Entwicklung des Kapitalismus zu.

Aber auch untereinander hatten die reformierte und die lutherische Kirche Probleme. So erzählte Frau Neisel, dass sie nach Kriegsende und ihrer Rückkehr in Düsseldorf eine reformierte Kirche vorfand. Der Kirchenraum wahr weitgehend zerstört, nur ein großer Abendmahltisch und ein Kruzifix waren noch vorhanden. In dieser Kirche wurde dann das Wort verkündet. Mit den Flüchtlingsströmen aus den östlichen Landesteilen kam auch ein lutherischer Pfarrer in diese Pfarrei und hielt in der besagten Kirche sein Messamt. Dabei hatte er das „Sakrileg“ begangen auf dem Tisch Kerzen aufzustellen. Über diesen Vorfall kam es zu einem zweijährigen Streit, der damit endete, dass der lutherische Pfarrer katholisch wurde und einen Großteil seiner Gemeinde mit abzog. Dieser Vorfall aus der Vergangenheit schlägt aber wiederum eine Brücke zur Jetztzeit. Wie gehen wir mit den Flüchtlingsströmen der Gegenwart um? Calvin, der ja in Genf die französische Flüchtlingsgemeinde betreut hat sprach davon, dass Flüchtlinge wie das Volk Israel anzusehen seien, das, ebenfalls vertrieben eine neue Heimat suchte. Die Menschen sind alle gleich geschaffen und tragen füreinander die Verantwortung. Vielleicht hilft ja das Bibelwort: „Ein Fremder soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer. Du sollst ihn lieben wie dich selbst (3. Buch Mose, 19,34).

Zum Abschluss erhielt Frau Neisel, gespendet von den Teilnehmern, ein großes Blumengefäß für ihren Balkon, überreicht durch den Beiratsvorsitzenden.