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Eine schöne Überraschung hielt das Augustinum am Samstag bereit. Als Geschenk zu Ostern und dem Beginn der Karwoche präsentierte es, bei kostenlosem Eintritt, Sibylle Bertsch und Cosmin Boeru mit einem Literaturkonzert unter dem Titel „Johann Sebastian Bach – Wege zu Gott“. Zu den beiden Künstlern muss ich nicht mehr viel erzählen, denn bereits zum Advent vergangenen Jahres (s. Beitrag „Advent“) hatte ich das Vergnügen diese beiden vorzustellen. Und wie seinerzeit, kann ich beider Vortrag nur loben. Die Wortbeiträge waren von Sibylle Bertsch wieder gekonnt artikuliert und am Piano wurde die Musik Johann Sebastian Bachs in ihrer ganzen Strahlkraft durch Cosmin Boeru zum klingen gebracht.

Cosmin Boeru und Sibylle Bertsch

Das Programm begann mit einem Text von Friedrich Schiller „Sprüche des Confuzius“, gefolgt von der „Aria aus den Goldbergvariationen“. Diesem folgte von Bertolt Brecht „Legende von der Entstehung des Buches Tao Te King auf dem Weg des Laotse in die Emigration“, das 1938 während Brechts eigener Emigration entstanden war. Nun erklang die „Fuge aus der chromatischen Fantasie“ BWV 903. Diesem Werk folgte „Gesang der Geister über den Wassern“ von Johann Wolfgang v. Goethe

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise
Zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz
Alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Cosmin Boeru spielte dann den Choral „Bist du bei mir“, bevor Sibylle Bertsch mit einem Text von Friedrich Rückert (1788-1866) „Übersetzung aus dem Koran / Sure 93“ und Goethes 1783 entstandenem Gedicht „Das Göttliche“, das mit den Zeilen „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut“ beginnt, fortfuhr. 

Bachs Pastorella erklang und ein weiterer Text von Friedrich Rückert, einem der Begründer der deutschen Orientalistik „Chidher der ewige Junge“ wurde vorgetragen.

Chidher, der ewig junge, sprach:
Ich fuhr an einer Stadt vorbei,
Ein Mann im Garten Früchte brach;
Ich fragte, seit wann die Stadt hier sei?
Er sprach, und pflückte die Früchte fort:
Die Stadt steht ewig an diesem Ort,
Und wird so stehen ewig fort.
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.
Da fand ich keine Spur der Stadt;
Ein einsamer Schäfer blies die Schalmei,
Die Herde weidete Laub und Blatt;
Ich fragte: wie lang ist die Stadt vorbei?
Er sprach, und blies auf dem Rohre fort:
Das eine wächst, wenn das andre dorrt;
Das ist mein ewiger Weideort.
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.
Da fand ich ein Meer, das Wellen schlug,
Ein Schiffer warf die Netze frei,
Und als er ruhte vom schweren Zug,
Fragt ich, seit wann das Meer hier sei?
Er sprach, und lachte meinem Wort:
Solang als schäumen die Wellen dort,
Fischt man und fischt man in diesem Port.
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.
Da fand ich einen waldigen Raum,
Und einen Mann in der Siedelei,
Er fällte mit der Axt den Baum;
Ich fragte, wie alt der Wald hier sei?
Er sprach: der Wald ist ein ewiger Hort;
Schon ewig wohn ich an diesem Ort,
Und ewig wachsen die Bäum hier fort.
Und aber nach fünfhundert Jahren
Kam ich desselbigen Wegs gefahren.
Da fand ich eine Stadt, und laut
Erschallte der Markt vom Volksgeschrei.
Ich fragte: seit wann ist die Stadt erbaut?
Wohin ist Wald und Meer und Schalmei?
Sie schrien, und hörten nicht mein Wort:
So ging es ewig an diesem Ort,
Und wird so gehen ewig fort.
Und aber nach fünfhundert Jahren
Will ich desselbigen Weges fahren.

 

„Präludium und Fuge G-Dur“ BWV 541 folgten, bevor Goethes „Osterspaziergang“ aus Faust I zu hören war.

Osterspaziergang

Vom Eise befreit sind Strom und Bäche
durch des Frühlings holden, belebenden Blick.
Im Tale grünet Hoffnungsglück.
Der alte Winter in seiner Schwäche
zog sich in rauhe Berge zurück.
Von dorther sendet er, fliehend, nur
ohnmächtige Schauer körnigen Eises
in Streifen über die grünende Flur.
Aber die Sonne duldet kein Weisses.
Überall regt sich Bildung und Streben,
alles will sie mit Farbe beleben.
Doch an Blumen fehlts im Revier.
Sie nimmt geputzte Menschen dafür.

Kehre dich um, von diesen Höhen
nach der Stadt zurückzusehen!
Aus dem hohlen, finstern Tor
dringt ein buntes Gewimmel hervor.
Jeder sonnt sich heute so gern.
Sie feiern die Auferstehung des Herrn,
denn sie sind selber auferstanden.
Aus niedriger Häuser dumpfen Gemächern,
aus Handwerks- und Gewerbesbanden,
aus dem Druck von Giebeln und Dächern,
aus der Strassen quetschender Enge,
aus der Kirchen ehrwürdiger Nacht
sind sie alle ans Licht gebracht.

Sieh nur, sieh, wie behend sich die Menge
durch die Gärten und Felder zerschlägt,
wie der Fluss in Breit und Länge
so manchen lustigen Nachen bewegt,
und, bis zum Sinken überladen,
entfernt sich dieser letzte Kahn.
Selbst von des Berges ferner Pfaden
blinken uns farbige Kleider an.
Ich höre schon des Dorfs Getümmel.
Hier ist des Volkes wahrer Himmel.
Zufrieden jauchzet gross und klein:
Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein!

Diesem zeitgemäßen Ausflug folgte der 1. Satz aus „Italienisches Konzert“ BWV 971. „Der Engel am Grabe des Herrn“, des Dichters Heinrich von Kleist wurde vorgetragen und ergänzt durch „Siciliano“ aus der Sonate für Flöte und Cembalo in der Klavierbearbeitung von Wilhelm Kempff. Gotthold Ephraim Lessings Gedicht „Nathan der Weise“ war die nun zu hörende „Ringparabel“ entnommen. Gefolgt von der „Orgelfantasie g-moll“ in der Transkription von Franz Liszt. Der letzte Text war der „Römische Brunnen“ von Conrad Ferdinand Meyer, der dieses Gedicht in 7 Fassungen niederschrieb, bevor er zufrieden damit war. Begonnen hat er es im Jahr 1860 und die letzte Fassung, die auch vorgetragene, stammt aus dem Jahr 1882.

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Der Abschluss dieses wirklich schönen Spätnachmittags gehörte selbstverständlich J. S. Bach. Mit dem Choral „Jesu meine Freude“ aus der Kantate Nr. 147. verabschiedeten sich die beiden Künstler, denen durch einen herzlichen Applaus gedankt wurde. 

Dank sei auch der Leitung und dem Kulturreferat des Augustinums für dieses schöne Geschenk und der Idee hierzu.