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Sie wollte keine Trauerreden, auch keine Trauerfeier, und so fand ihre Bestattung anonym und in aller Stille statt. Das Bedürfnis, der Wunsch sich von Frau Ilse Rübsteck in der Gemeinschaft zu verabschieden, sich ihrer nochmals in Würde und ausgesprochener Trauer zu erinnern war aber so stark, dass am Samstag, dem 5. August, im Theatersaal des Augustinum doch noch ein Abschied stattfand.

Zwar begann die Zeremonie etwas holprig – die Gäste, zur Teilnahme auf 15:00 Uhr eingeladen, mussten, da die Technik noch nicht so weit war, wie die Kinder an Weihnachten vor verschlossener Türe warten, bis diese endlich kurz nach 15:00 geöffnet wurde. Und es waren, garnicht überraschend, viele, die sich eingefunden hatten: Verwandte, Freunde, Vertraute, Vertreter des Augustinum oder ganz einfach Mitbewohner ihres letzten Zuhauses.

Nach einer einführenden Klezmermusik ergriff zuerst Frau Elisabeth Boms, Leiterin der Grundschule Hockstein und langjährige Vertraute, Freundin und Helferin von Ilse Rübsteck, das Wort. Schilderte ihre erste Begegnung mit Frau Rübsteck, das langsame Vertrautwerden mit ihr. Berichtete von dem geradlinigen starken Charakter der Freundin und dankte, dass sie Ilse, diesen liebenswerten aber auch nicht immer einfachen Menschen, kennen lernen, und die letzten Lebensjahre begleiten durfte.

Es folgte ein Ausschnitt aus dem Film „Hotel Bogota“ von Ilja Richter.  Dessen Sohn Kolja und Ilse Rübsteck unterhielten sich dabei über die Erinnerungen, die nie vergehen.

Anschließend sprach Rüdiger Röttger, Verfasser und Herausgeber des Buches „Davon haben wir nichts gewußt“ über die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in der Gemeinde Hochneukirch, von seiner Bekanntschaft mit Ilse Rübsteck. Blickte nochmals auf ihre Lebensgeschichte, und brachte so die Erinnerung an all das Leid, das sie erfahren hatte zurück.

Der Dokumentarfilmer und Journalist Gert Monheim erzählte von seiner Begegnung mit Ilse Rübstück, die er für die Dokumentation „Mariannes Heimkehr – Die Jüdin, der Beamte und das Dorf“ interviewte. Er hörte damals, dass Frau Rübsteck um die Rückgabe ihres Elternhauses sogar vor Gericht ziehen musste. Der damalige Besitzer, ein SS-Mann und ehemaliger Nachbar, verstieg sich zu der entlarvenden Aussage: „ich wußte ja nicht, dass die Juden zurückkommen würden“. Was Ilse Rübsteck zu der Antwort: „Ihr habt halt schlecht gearbeitet, sonst wäre ich nicht hier“, veranlasste. Diese Replik war so charakteristisch für Ilse Rübsteck, denn jeder der sie kennenlernte, konnte diese Geradlinigkeit und Schlagfertigkeit selbst erfahren. Hinzu kam eine gute Portion Selbstironie. Gert Monheim fragte sich, wie es komme, dass Frau Rübsteck ihre Geschichte immer wieder so wörtlich schildern könne, so als ob ein Film in ihrem Kopf ablaufen würde. Und er fand die Antwort darin, dass sich dieser Film wirklich abspielt. Immer dann wenn sie sich auf einen Vortrag oder Interview vorbereitet und auch danach noch und wahrscheinlich in vielen alptraumhaften Nächten.

Ilja Richter erkannte anlässlich einer Theateraufführung 2002 im Augustinum in Frau Rübsteck einen Menschen der, so sprach er sie daraufhin an, seit 5000 Jahren mit ihm verwandt ist. Als er sie nach ihrem Geburtsdatum fragte, erfuhr er, dass es das gleiche Datum wie bei seiner verstorbenen Mutter war. Ilse Rübsteck hat Ilja Richter quasi adoptiert und fand in ihm und seinem Sohn die Familie, die sie nie selbst hatte. Anhand des Liedtextes von Max Colpet „Sag mir, wo die Blumen sind“ (Original „Where Have All the Flowers Gone“ von Pete Seeger) ging er dem Leben von Ilse Rübsteck nach. Wo sind die Blumen, die Menschen hin, die ermordet wurden? Wo sind die Gräber derer, die in den KZ vergast, erschossen, verbrannt wurden? Ilse Rübsteck, die sich entgegen aller jüdischer Tradition anonym beerdigen lassen wollte sagte einmal:

Auf einem Grab, das es nicht gibt, kann man nicht herumtrampeln

Da sprach viel Erfahrung aber auch Angst, dass sich all die schlimme Gewalt und der Hass wiederholen könnten. Aus diesem Grund wollte sie auch nichts von den „Stolpersteinen“ wissen, weil „dann wieder und, noch auf den Toten herumgetrampelt wird“. Ilja Richter meinte, dass der Wunsch verbrannt zu werden vielleicht Ausdruck dafür gewesen sei, nachzuholen, damit vertraut zu werden, was ihrer Familie durch die Vergasung zugefügt worden war.

Unser ehemaliger, evangelischer Hauspfarrer, Hubertus Raabe, las den 23. Psalm Davids, den „Hirtenpsalm“ zuerst in hebräischer Sprache und dann die Übersetzung von Martin Luther.

Als Anverwandter sprach Marcel Simon aus Holland, dessen Mutter eine Cousine von Frau Rübsteck war, einen Gruß aller noch lebender Verwandter der Familie Falkenstein, die in der ganzen Welt verstreut leben. Herr Simons Familie war schon vor der Nazizeit nach Holland ausgewandert und als kleiner Junge wurde er über ein Jahr lang versteckt, so dass er bei seiner Familie bleiben konnte, der die Flucht in die Schweiz gelang. Marcel Simon dankte allen Anwesenden für ihr Kommen.

Zum Abschluss dieser wirklich ehrenvollen, würdevollen und berührenden Gedenkfeier sang Ilja Richter, von Pfarrer i.R. Raabe auf der Gitarre begleitet, die zwei Verse von den Blumen und den Gräbern aus „Sag mir, wo die Blumen sind“.