Schlagwörter

, , , , , , , , , , , , ,

Im Augustinum Bad Neuenahr fand letzten Freitag, 29.9., vor, angesichts des hochkarätigen Angebotes leider nur relativ wenigen Zuhörern, ein Konzert mit Nadia Singer, Pianistin, Meisterin der Töne und Lutz Görner, Souverän der Worte, statt. „Konzertwalzer aus 100 Jahren“, in der Zeit von 1819-1920, war das Motto dieses Abends, und was zu hören und zu sehen war, kann ich nur mit großartig beschreiben.

Nadia Singer und Lutz Görner

Der 1819 entstandene Walzer von Carl Maria von Weber (1786-1826) „Aufforderung zum Tanz“, so Lutz Görner in seinen Erläuterungen, ist, wie alle Walzer gegliedert in Vorspiel, Melodienteil und Nachspiel. C. M. v. Weber hatte dieses Musikstück seiner Frau, Caroline von Weber, gewidmet und es war der eigentliche Auftakt für 100 Jahre Konzertwalzer. In der Tierdokumentation „Die lustige Welt der Tiere“ wird dieses Stück übrigens bei der Reaktion der Tiere auf den lang ersehnten Regen verwendet.

„Un Bal“, der zweite Satz aus der „Symphonie fantastique“ von Hector Berlioz (1803-1869), in der Bearbeitung von Franz Liszt folgte. Diese Symphonie war zwar Zar Nikolaus I. von Russland gewidmet, die eigentliche Adressatin war jedoch die irische Schauspielerin Harriet Smithon, in die Berlioz unsterblich verliebt war. Als diese das Musikstück gehört hatte traf sie sich mit dem Komponisten und beide heirateten dann auch später.

Giacomo Meyerbeer (1791-1864) schuf den „Nonnenwalzer“ in seiner Oper „Robert le diable“. Hierzu wusste Görner zu erzählen, dass dieser Walzer die Sensation war. Denn die Nonnen entkleideten sich und tanzten in einem TuTu, dem kurzen Tüllrock. Zwei Melodien liegen im Wettstreit, die züchtigen Nonnen und die TuTu-Nonnen. In einem Brief schrieb Heinrich Heine an Meyerbeer, dass dies die Musik schlechthin sei und ganz Paris Kopf stehe aufgrund dieser Oper. Nach der Uraufführung in Paris wurde die Oper an 74 Bühnen in ganz Europa gespielt. Nadia Singer spielte die Transkription des Nonnenwalzers von Franz Liszt. Diese Transkriptionen waren in der damaligen Zeit die einzige Möglichkeit um breite Bevölkerungsschichten mit der aktuellen Opernmusik bekannt zu machen, da die meisten von ihnen keine Möglichkeit hatten ein Opernhaus aufzusuchen, wie Lutz Görner noch anmerkte.

1836, Heinrich Heine war 39 Jahre alt geworden, spielte Frédéric Chopin (1810-1849) quasi als Geburtstagsständchen für diesen, aber auch für George Sand, mit der er später liiert war, den „Grande valse brillante“. Ein tolles Stück, großartig von Nadia Singer gespielt.

Von Franz Liszt (1811-1886) wurde der „Valse de bravoure“ 1850, als Neuversion der „Grande Valse di bravura“ komponiert. Außer ihm selbst konnte damals dieses Stück niemand spielen, Nadia Singer hat dies echt bravourös getan.

Traumhaft schön erklang nach der Pause der „Faustwalzer“ von Charles Gounod (1818-1893) in einer Transkription von Franz Liszt. Dieser Walzer stammt aus der Oper „Faust“ bzw. „Margarethe“, deren Uraufführung 1859 in Paris erfolgt war. Ein vielgespieltes und -gehörtes Stück, das in der Interpretation von Nadia Singer zum träumen einlud.

In den Jahren 1881 bis 1884 komponierte Franz Liszt vier Walzer mit dem Titel „Valse oubilée“ (vergessener Walzer). Nadia Singer spielte den „Valse oubliée no. un“, der, so erzählte Lutz Görner, ein beliebtes Zugabestück von Vladimir Horowitz (1903-1989), dem berühmten ukrainisch/amerikanischen Pianisten, gewesen ist. In atemberaubender Manier wurde dieses Stück von Nadia Singer vorgetragen und – zur Erheiterung der Zuhörer – mit der typisch horowitz’schen Geste abgeschlossen.

30 Jahre später, 1910 schrieb Claude Debussy (1862-1918), der französische Komponist des Impressionismus den Walzer „La plus que lente“ (der langsamste Walzer). Das war sozusagen der Abgesang des Konzertwalzers.

Eine Zeitspanne von ebenfalls 30 Jahren umfassen die Jahre von 1856-1885, in denen Franz Liszt insgesamt  4 Mephistowalzer komponierte. Virtuose Stücke, die den Interpreten alles abverlangen. In meisterlicher Perfektion spielte Nadia Singer den „4. Mephistowalzer“ aus dem Jahr 1885. In den letzten Jahren befasste sich Lutz Görner in seinen Musikabenden ja ausgiebig mit dem Universum Liszt, denn alle Komponisten, auch dieses Abends, sind von Liszt beeinflusst worden.

Zum Abschluss des Abends war „La Valse“ von Maurice Ravel (1875-1937) dem französischen Komponisten zu hören. Dieses „Poème chorégraphique pour orchestre“ hieß ganz zu Beginn noch Wien, denn es sollte um diese Stadt und seine Walzer gehen. Gedacht als Ballett wurde es jedoch nur als Orchesterstück aufgeführt. Erst in viel späteren Jahren, Ravel hatte das Stück inzwischen für zwei Klaviere umgeschrieben, sollten auch choreochraphische Umsetzungen erfolgen. Ravel hatte seiner Partitur folgendes Programm vorangestellt (Quelle Wikipedia):

Flüchtig lassen sich durch schwebende Nebelschleier hindurch walzertanzende Paare erkennen. Nach und nach lösen sich die Schleier auf: man erblickt einen riesigen Saal mit zahllosen im Kreise wirbelnden Menschen. Die Szene erhellt sich zunehmend; plötzlich erstrahlen die Kronleuchter in hellem Glanz. Eine kaiserliche Residenz um 1855.“ Nach und nach treten an die Stelle der Walzerseligkeit verzerrte Rhythmen und dissonante Harmonien. Das Stück endet in einem Ausbruch von Gewalt und Chaos.

Mit viel und berechtigtem Applaus wurden Nadia Singer und Lutz Görner für diesen Abend belohnt. Es ist nur zu hoffen, dass wir dieses Duo wieder in Bad Neuenahr erleben dürfen, was angesichts des mäßigen Besuches nicht so einfach vorausgesetzt werden kann.

Die musikalische Reise durch 100 Jahre Konzertwalzer, die aufzeigte, dass sich die Musik immer weiter entwickelt und die Einflüsse der Zeit mit aufnimmt, wurde schon von Franz Liszt wie folgt auf den Punkt gebracht:

Die Welt steht nicht still, wie sollte die Kunst stillstehen.