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Der Theatersaal des Augustinums war erfreulicherweise wieder einmal sehr gut besetzt an diesem Abend, dem 29.11.17, an dem Heikko Deutschmann, der bekannte und mit einer wohltönenden und facettenreichen Stimme ausgestatteten Schauspieler, Weihnachtsgeschichten vortrug.

Heikko Deutschmann bei der Begrüßung.

Geschichten, ganz spezielle Weihnachtsgeschichten, des Kolumnisten, Autors, und mit dem Egon-Erwin Kisch-Preis ausgezeichneten Journalisten, Harald Martenstein. Für die musikalische Unterstützung sorgte das Trio von Manuel Munzlinger „oboe in jazz“. Das Trio wird in diesem Jahr von Manuel Munzlinger, Oboe, HD Lorenz, Bass und Stanley Schätzke, Piano, gebildet.

von links: HD Lorenz, Manuel Munzlinger und Heikko Deutschmann. Der Pianist verdeckt.

Da räsoniert ein Autor, „Was beim Bauarbeiter die Muggis, ist beim Autor das Ego“, über die Weihnachtsmärkte auf denen „Herr Schimmelpilz und Frau Rost“ in den Buden regiere und ein ungenießbarer Glühwein ausgeschenkt würde.

Klaus möchte nicht immer an einem bestimmten Tag dazu verurteilt sein, Feste und ganz besonders Weihnachten, zu feiern. Also beschließt er, in Zukunft die Jahresfeste Ostern, Pfingsten, Halloween und Weihnachten auszulosen. Dies löst zuerst Befremden aber auch Konflikte aus, wenn z.B. mitten im Winter und bei reichlich Schnee seine Kinder Ostereier im Garten suchen; in der heißesten Jahreszeit weihnachtliche Klänge und Gesänge nach außen dringen; oder, wenn die Nachbarn besinnlich die Auferstehung des Herrn feiern und die zu Halloween verkleideten Kinder klingeln und „Süßes oder Saures“ wollen. Doch mit der Zeit finden sich erste Nachahmer und so kann es geschehen, dass fast täglich irgendwo in der Umgebung ein Fest gefeiert wird. Klaus aber, ist schon wieder einen Schritt weiter und überlegt, ob er nicht an jedem Tag gleichzeitig alle Feste feiern könne.

Ein gelernter Architekt aus Düsseldorf, mit einem befristeten Vertrag, der demnächst auslaufen wird, in einem Büro angestellt, in dem er die Arbeit eines technischen Zeichners machen muss, überlegt was er wohl nach seiner Entlassung machen soll. In der Zeit seiner vorausgegangen Arbeitslosigkeit hatte er mehr als 40 Bewerbungen, sogar nach Chemnitz, verschickt. Anlässlich der Weihnachtsfeier im Betrieb –  Weihnachtsfeiern werden immer groß gefeiert, denn eine mickrige Feier zu diesem Anlass würde sich sofort herumsprechen und die Bonität des Unternehmens in Frage stellen – kam ihm die zündende Idee. Er trat als selbstständiger, strippender Weihnachtsmann auf. Zuerst wurde die traditionelle Bescherung vorgenommen und dann, „liebe Kinder jetzt ist es Zeit für euch zu schlafen“, kam für die Erwachsenen die eigentliche Überraschung. Er führte seinen Strip in roter Unterwäsche auf, und zu dem Lied „Oh Tannenbaum“, nur noch mit einem weißen Bart zwischen den Beinen, wurde Nebel eingeblasen bevor der Bart ganz verschwand.

Holger, Systemadministrator, mit Brenda zusammen, bekam jeweils nach dem Kauf des Weihnachtsbaumes mit dieser Streit. Der Baum musste 1,80 m hoch sein, nicht zu ausladend, aber rund herum schön glänzend und ohne Lücken gewachsen. Diesmal war es wieder so weit. Der Baum war zu hoch, die Spitze krümmte sich unter der Decke und der Stamm passte nicht in den Baumständer. Also erst den Stamm bearbeiten, ging natürlich schief, der wurde so dünn, dass er nur in einer Wachsfüllung stehen blieb. Jetzt hing aber der Baumständer am Baum, so dass eine Kürzung unten nicht mehr möglich war. Was blieb, war eine Verkürzung des oberen Drittels. Dazu wurde ein Stück aus dem Baum herausgesägt und die verbliebenen Teile mittels Kleber verbunden. Brenda machte trotzdem ein furchtbares Theater. Da half nur viel wärmendes Kerzenlicht und, zur Herstellung der inneren Harmonie ein gemeinsamer Aufenthalt in der Badewanne. Die Versöhnung wurde erst gestört, als ein Lautsprecher dazu aufrief das Haus sofort zu verlassen. Als beide nackt am Fenster kontrollierten was da los war stand unten die Feuerwehr mit einem Sprungtuch und die gesamte Nachbarschaft war versammelt. Während die beiden in der Badewanne Aussöhnung feierten, wurde wohl, durch die Wärme der Kerzen, das Wachs im Baumständer weich, der Baum umgefallen und die Wohnung in Brand gesetzt. Was blieb anderes übrig als der gemeinsame Sprung, Brenda mit der Plätzchendose in der Hand und Holger fiel siedend heiß ein, dass er immer noch kein Geschenk für Brenda hatte. Als beide, in Decken der Sanitäter gehüllt, mit ansahen, dass die Feuerwerkskörper der chinesischen Mitbewohner alle auf einmal explodierten und Raketen in die Luft stiegen, waren sie sich einig: das war die tollste Weihnacht des Jahrhunderts.

Max Tischler, Autor für „Schönes Landleben“, träumte immer den gleichen Traum, seinen tiefen Sturz. Mit seinen Beiträgen für die Zeitschrift und Besuche in verschiedenen Talk Shows war er einigermaßen bekannt und konnte, ohne sich große Sprünge leisten zu können, doch anständig leben. Bei einem Spaziergang, das half manchmal neue Ideen zu finden, denn schließlich war wieder mal Deadline für seinen Artikel, sah er auf einer Parkbank einen Mann sitzen, der ihm verblüffend ähnlich sah. Es war ein russischer Emigrant, der seit 10 Jahren hier lebte. Diesem Mann klagte er seine Misere und schlug ihm vor, dass sie ihr Leben tauschen sollten. Mit allen Rechten und Pflichten, seiner Kreditkarte, seiner Identität. Nach einigem Zureden klappte es auch und Max Tischler entschwand, zuletzt lebte er in Costa Rica als Tauchlehrer. Hin und wieder las er einen Bericht über sich, sein Ersatz war ganz erfolgreich, was er ihm auch von Herzen gönnte, denn für ihn war dieser Russe sein Erlöser.

Garfield Ott, ein Computer-Spiele-Entwickler, hatte ein neues Spiel erfunden. Er nannte es „Lost Paradise“ und den Planeten seines Universums R.D. mit einem Land Deutschland. Er ließ einen Avatar als seinen Sohn auf R.D. kommen und entwickelte eine Weihnachtsgeschichte dazu. Wann immer er wollte, besonders wenn die Bewohner von R.D. mit ihrer Entwicklung so weit waren, dass sie selbstständig wurden, konnte er den Reset-Knopf drücken und von vorne beginnen. Warum sollten nicht mal die Neandertaler den Überlebenskampf gewinnen? Oder er schickte an Weihnachten Killer in die Städte. All das war ihm, G. Ott, zu jeder Zeit möglich. Er war schließlich der Schöpfer.

Was soll man mit Kindern? Wenn sie ganz klein sind, dann schlafen sie die ganze Zeit, außer nachts. In der Pubertät kann man ihnen sowieso nichts recht machen und im Alter erhält man ab und zu einen Anruf. Als Schlusspunkt sorgen sie dafür, dass die Eltern ins Altenheim kommen. Die Erziehung eines Kindes kostet rund 120.000. Würde man dieses Geld spenden, anstatt ein Kind groß zu ziehen, würde man als großherziger Menschenfreund gefeiert. Am Ende zeigen dann die Kinder den Eltern wie das neueste Smartphone zu bedienen ist.

Eine belebte Kreuzung. Ein Engel will links abbiegen. Da ständig Gegenverkehr ist gelingt das jedoch nicht. Nach einer Weile beginnt ein Hupkonzert hinter ihm. Er stellt den Motor ab und geht gemächlich zu dem hinter ihm stehenden BMW. Freundlich sagt er zu dem Fahrer: „was kann ich für Sie tun? Auch ich war früher so ungeduldig wie Sie. Doch dann wurde ich eines besseren belehrt. Jesus liebt uns, ihm sollten wir nacheifern.“ Der BMW-Fahrer will sich jedoch nicht beruhigen. Wütend fährt er um den Wagen des Engels, fast hätte er diesen noch mitgenommen, herum, schießt auf die Kreuzung zu und es kracht ganz fürchterlich. Der Engel steigt in seinen Wagen und denkt: noch soviel ist zu tun.

Als Zugabe noch eine drauf. Der Sohn, gerade mal 12 Jahre alt, wünscht sich zu Weihnachten ein neues Handy, Preis 25 €. Der Vater macht ihn darauf aufmerksam, dass die Erfüllung dieses Wunsches die göttliche Ordnung, die seit Millionen von Jahren besteht, auf den Kopf stellen würde, wenn der Sohn ein teureres Handy besitzt als der Vater. Zu Weihnachten erhält der Sohn ein Nokia. Er schaut sein Geschenk, dann den Vater an und sagt: „Gott hat es so eingerichtet, dass nach Weihnachten bald Ostern ist und dann wünsche ich mir das neueste Handy“. Der Freund des Vaters hat ein uraltes Handy. Nostalgie-Handys sind stark im kommen. Wahrscheinlich schenke ich meinem Sohn dann ein Siemens.

Die Geschichten: alle der Weihnachtstradition verbunden, aber aus einem völlig anderen Blickwinkel erzählt.

Der Erzähler: Heikko Deutschmann hat eine angenehme und malerische Vortragsweise. Die Stimme verändert sich mit jeder Erzählung, und dass seine Stimme weit trägt bewies er, als bei der Zugabe das Mikro ausgefallen ist.

Die Musik: Einfach genial. Das Trio spielte klassische Musik von Johann Sebastian Bach, Vivaldi und Piazzolla; klasse verjazzt. Nach der erzählten Zugabe spielten sie eine Version der Abschiedssymphonie von Hayden. Zuerst schlich der Pianist davon, dann wanderten der Oboist und der Erzähler von der Bühne und schließlich merkte der Bassist, dass er allein war und eilte erschreckt davon.

Der Abend: Zwei Stunden allerbester Unterhaltung. Lachen, Schmunzeln und stille Erinnerung bei den Zuhörern. Weihnachten kann kommen.

ALLEN LESERINNEN UND LESERN WÜNSCHE ICH EINE SCHÖNE UND GERUHSAME ADVENTSZEIT

Uferlichter 2013