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Dr. Jürgen Nelles, Privatdozent für Neuere Deutsche Literaturwissenschaft an der Uni Bonn, war am Montag wieder einmal, veranstaltet von der Kreis-Volks-Hoch-Schule Ahrweiler, mit einem Vortrag zu Gast im Augustinum. Unter dem Titel „Von der Bibel bis zur Gegenwart – literarische Wein-Lese-Reise“ referierte Dr. Nelles in seiner eloquenten Art über den literarischen Umgang mit dem Wein.

Dichter, Denker, bildende Künstler und Komponisten haben sich mit dem Wein befasst und dem Getränk auch in reichem Maße zugesprochen. Exemplarisch wurden Friedrich Schiller und Ludwig van Beethoven mit der Ode „An die Freude“ herausgestellt. Die im Herbst 1785, in einem Häuschen seines Freundes Theodor Körner, mitten im Weinberg gelegen, entstandene Ode wurde von Ludwig van Beethoven im 4. Satz seiner 9. Symphonie, uraufgeführt 1824, vertont. So heißt es in der 3. und 13. Strophe der Ode

Wem der große Wurf gelungen,
Eines Freundes Freund zu sein;
Wer ein holdes Weib errungen,
Mische seinen Jubel ein!

Freude sprudelt in Pokalen,
In der Traube goldnem Blut
Trinken Sanftmut Kannibalen,
Die Verzweiflung Heldenmut

Und auch Shakespeare wusste den Wein zu schätzen, der ihm zu folgender Einsicht verhalf:

Wer Wein trinkt, schläft gut,
wer gut schläft, sündigt nicht,
wer nicht sündigt, wird selig,
wer also wein trinkt, wird selig.

Am Anfang war der Rausch. Im Buch der Bücher, der Bibel, wird im 1. Buch Mose von Noah berichtet, der nach der Sintflut als Bauer und ersterwähnter Weinberg-Pflanzer tätig war. Die Weinprobe war bei ihm so ausführlich ausgefallen, dass er im Vollrausch, mit wenig erfreulichem Ergebnis, in den Schlaf sank (in vite vita – im Weinstock ist Leben). Diese und rund 1200 weitere Bibelstellen thematisieren den Wein. Eine ganz wesentliche Rolle spielt er ja beim Abendmahl, wer hätte da nicht Da Vincis berühmtes Bild vor Augen. Der Wein ist eines der ältesten Kult- und Kulturgetränke der Welt. So wurde bei Damaskus ein 8000 Jahre alte Weinpresse gefunden.

Aus der Antike (in vino veritas – im Wein liegt Wahrheit) sind Osiris, Dionysos und Bacchus die bekanntesten Repräsentanten für den Wein, den Weingenuss und die Ekstase durch den Genuss dieses Getränkes. Überliefert ist das Gedicht von Bacchus:

Wein vergoldet jeden Tag
Scheucht hinweg des Daseins Plag,
Macht die Menschen froh und heiter,
Ihren Geist sehr viel gescheiter,
Lässt das Leben schön erscheinen,
Die Gedanken Gutes meinen,
Lässt uns all zu Freunden werden,
Friedlich wird es dann auf Erden.
Wer den Wein so klug genießt,
Freude aus den Sternen liest,
Merkt an seines Herzens Schlag:
Wein vergoldet jeden Tag

Und auch bei Homers Odyssee spielt der Wein, bei der Blendung des Zyklopen, eine wichtige Rolle.

Im Mittelalter waren es besonders die Klöster, die den Weinbau pflegten und die Mönche, die dem Wein huldigten. Im 11. Jhdt. kam über Frankreich die Kunde von der Wichtigkeit der Bodenbeschaffenheit beim Weinbau. Gottfried August Bürger schrieb in seinem Gedicht „Die Schatzgräber“ (der im Sterben liegende Vater rät seinen Söhnen nach dem Schatz im Weinberg zu suchen und stirbt. Daraufhin graben diese alles gründlich um, ohne jedoch etwas zu finden. Erst bei der Ernte stellen sie dann fest, dass der Ertrag dreifach war und erkannten, dass damit der Schatz gemeint war, und sie hoben diesen Schatz dann auch jedes Jahr) hierüber anschaulich.

Dr. Nelles bei Vortrag und Projektion eines Klosterbildes

Die Klassik, literarisch ganz von Johann Wolfgang v. Goethe geprägt,

Johann Wolfgang von Goethe

der im Jahr 1775 in den Sesenheimer Liedern, alle an seine große Liebe Friederike Brion gerichtet, dichtete:

… Bald geh ich in die Reben
Und herbste Trauben ein;
Umher ist alles Leben,
Es strudelt neuer Wein.
Doch in der öden Laube,
Ach, denk ich, wär sie hier!
Ich brächt ihr diese Traube,
Und sie – was gäb sie mir?

Oder im West-östlichen Divan, in dem sehr viel über den Wein steht:

Trunken müssen wir alle sein!
Jugend ist Trunkenheit ohne Wein;
Trinkt sich das Alter wieder zu Jugend,
So ist es wundervolle Tugend.
Für Sorgen sorgt das liebe Leben,
Und Sorgenbrecher sind die Reben

Die Szene in Auerbachs-Keller ist wohl jedem gegenwärtig, der sich mit dem Faust beschäftigt hat (oder musste).

Illustration zu Faust und Mephisto in Auerbachs Keller

Mathias Claudius, der nicht nur den stillen Mond besang, schrieb 1777 für den Wandsbecker Boten das „Rheinweinlied“:

Bekränzt mit Laub den lieben vollen Becher,
Und trinkt ihn fröhlich leer.
In ganz Europia, ihr Herren Zecher!
Ist solch ein Wein nicht mehr.
Er kommt nicht her aus Hungarn noch aus Polen,
Noch wo man Franzmännsch spricht;
Da mag Sankt Veit, der Ritter, Wein sich holen,
Wir holen ihn da nicht.
Ihn bringt das Vaterland aus seiner Fülle;
Wie wär er sonst so gut!
Wie wär er sonst so edel, wäre stille
Und doch voll Kraft und Mut!
Er wächst nicht überall im deutschen Reiche;
Und viele Berge, hört,
Sind, wie die weiland Kreter, faule Bäuche,
Und nicht der Stelle wert.
Thüringens Berge zum Exempel bringen
Gewächs sieht aus wie Wein;
Ist’s aber nicht. Man kann dabei nicht singen,
Dabei nicht fröhlich sein.

Natürlich ist auch Schiller nicht in seiner Sturm und Drang Periode stehen geblieben. So lässt er in seinem „Das Siegesfest“, handelnd nach dem Fall Trojas, den Chor singen:

Trink ihn aus den Trank der Labe
Und vergiß den großen Schmerz,
Balsam fürs zerrißne Herz,
Wundervoll ist Bacchus* Gabe.

Vinum sanum in corpore sano – in einen gesunden Körper gehört ein guter Wein. In der Zeit der Romantik, die nicht zuletzt das Rheinland in den Fokus der Reisenden gestellt hat (auch Lord Byron und Victor Hugo waren darunter), schrieb Wilhelm Müller (Dichter der „Schönen Müllerin“ eine Warnung vor dem Wasser, deren erste Strophe so lautet:

Guckt nicht in Wasserquellen,

Ihr lustigen Gesellen,

Guckt lieber in den Wein!

Das Wasser ist betrüglich,

Die Quellen sind anzüglich:

Guckt lieber in den Wein!

Heinrich Heine, ein weiterer Sänger des Rheines, besang eine „Nacht auf dem Drachenfels“, der Burg im rheinischen Siebengebirge. Die zweite Strophe geht so:

Wir tranken Deutschlands Wohl aus Rheinweinkrügen,
Wir sahn den Burggeist auf dem Turme lauern,
Viel dunkle Ritterschatten uns umschauern,
Viel Nebelfraun bei uns vorüberfliegen.

und in einem weiteren Gedicht unter anderem:

Der Hals ist mir trocken, als hätt ich verschluckt
Die untergehende Sonne.
Herr Wirt! Herr Wirt! Eine Flasche Wein
Aus Eurer besten Tonne!

Es fließt der holde Rebensaft
Hinunter in meine Seele
Und löscht bei dieser Gelegenheit
Den Sonnenbrand der Kehle.

Und noch eine Flasche, Herr Wirt! Ich trank
Die erste in schnöder Zerstreuung,
Ganz ohne Andacht! Mein edler Wein,
Ich bitte dich drob um Verzeihung.

Ich sah hinauf nach dem Drachenfels,
Der, hochromantisch beschienen
Vom Abendrot, sich spiegelt im Rhein
Mit seinen Burgruinen.

Das war auch die Zeit der Trinklieder. Mörike und Eichendorff sind bekannte Vertreter dieser Gattung. Die erste Strophe des Trinkliedes von Eduard Mörike als Beispiel:

Trink‘ ich ihn, den Saft der Reben,


gleich erwärmet meine Seele


und beginnt in hellen Tönen


einen Preisgesang der Musen.

Aber auch noch in der neueren und heutigen Zeit wird der Wein gelobt. Wilhelm Busch zum Beispiele sagt dazu:

Wer als Wein- und Weiberhasser
Jedermann im Wege steht,
Der genieße Brot und Wasser,
Bis er endlich in sich geht.

und:

Rotwein ist für alte Knaben
eine von den besten Gaben.

Den Schluss seines Vortrages widmete Dr. Nelles, unter der Überschrift La fin du vin, ou vin sans fin, dem Gedanken, dass das Thema Wein immer aktuell bleiben wird. Gg. Christoph Lichtenberg dichtete:

Das alte Faß ist ausgetrunken,
der Himmel steckt ein neues an.
Wie mancher ist vom Stuhl gesunden,
der nun nicht mit uns trinken kann.
Doch ihr, die ihr wie wir beim alten
mit so viel Ehren ausgehalten,
geschwind die alten Gläser leer
und setzt euch zu den neuen her!

Robert Gernhardt, der erst 2006 verstorbene Schriftsteller, Zeichner und Maler gelangte zu der dialektischen Aussage:

Robert Gernhardt, am Pult Dr. Nelles

Theke, Antitheke und Syntheke

Heinrich von Mühler zeigt wohin der Weg geht:

Grad aus dem Wirtshaus nun
Komm‘ ich heraus,
Straße, wie wunderlich
Siehst du mir aus!
Rechter Hand, linker Hand,
Beides vertauscht: —
Straße, ich merke wohl,
Du bist berauscht.

Was für ein schief Gesicht,
Mond, machst denn du?
Ein Auge hat er auf,
Eins hat er zu.
Du wirst betrunken sein,
Das seh‘ ich hell;
Schäme dich, schäme dich,
Alter Gesell!

Und die Laternen erst,
Was muß ich seh’n!
Die können alle nicht
Grade mehr steh’n,
Wackeln und fackeln die
Kreuz und die Quer,
Scheinen betrunken mir
Allesamt schwer.

Alles im Sturme rings,
Großes und klein,
Wag‘ ich darunter mich,
Nüchtern allein?
Das scheint bedenklich mir,
Ein Wagestück! —
Da geh‘ ich lieber ins
Wirtshaus zurück.

Diese vergnügliche und muntere (leider ganz trockene) Wein-Lese-Reise ging mit dem  Abendlied von Johann Peter Hebel „Jetzt schwingen wir den Hut“ zu Ende:

Jetzt schwingen wir den Hut
Der Wein, der war so gut!
Der Kaiser trinkt Burgunderwein
sein schönster Junker schenkt ihm ein
und schmeckt ihm doch nicht besser
nicht besser 

Der Wirt, der ist bezahlt
und keine Kreide malt
den Namen an die Kammertür
und hintendran die Schuldgebühr.
Der Gast darf wiederkommen
ja kommen.

Und wer sein Gläslein trinkt
ein lustig Liedlein singt
im Frieden und mit Sittsamkeit
geht nach Haus zur rechten Zeit,
der Gast darf wiederkehren
mit Ehren.

Jetzt Brüder, gute Nacht!
Der Mond am Himmel wacht;
und wacht er nicht, so schläft er noch
wir finden den Weg zur Haustür doch
und schlafen aus im Frieden
ja Frieden

Im Wirtshaus