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So dürften sich wohl viele im deutschsprachigen Raum gefragt haben (ich eingeschlossen), als das Nobelpreis-Komitee mit Kazuro Ishiguro den Literatur-Preisträger 2017 bekannt gab. Auch Michael Serrer, Leiter des Literaturbüros Düsseldorf NRW und selbst Autor mehrerer Bücher (http://www.editionvirgines.de/autorinnen-und-autoren/michael-serrer.html), musste gestehen, dass er, hätte man ihn vor der Preisverleihung nach Ishiguro gefragt, wohl eher auf eine Speise getippt hätte, als auf den, im englischsprachigen Raum geschätzten, beliebten und erfolgreichen Romancier. Ishiguro wurde 9 Jahre nach dem Kriegsende des zweiten Weltkrieges in Nagasaki, Ort der zweiten Atombombe auf Japan, geboren. Mit 5 Jahren kam er nach England, wo er auch heute noch lebt.

Bevor Michael Serrer, der schon einige male im Augustinum Nobelpreisträger der Literatur vorgestellt hat, näher auf den diesmaligen Preisträger einging, schilderte er, es war am Montag dieser Woche, wie es jeweils zu der Auszeichnung kommt.

Die Auswahlvoraussetzungen legen fest, dass es sich um vorzügliche, sich in idealistischer Weise mit dem Leben befassende Bücher handeln muss. Die Verfasser dürfen keine Antisemiten, Hetzer oder Rassisten sein. Zur Ermittlung der Kandidaten  werden vom 6-köpfigen Komitee, das aus der Mitte der Schwedischen Akademie gebildet wird, 6-700 Menschen angeschrieben. Üblicherweise kommen so ca. 100 Namen zustande und aus diesen Vorschlägen wird zunächst ein Longlist mit 25 und dann ein Shortlist mit 6 Namen gebildet. Diese 6 Bücher, die zuvor in ihrer eigenen Sprache erschienen sein müssen, werden dann von allen 6 Komiteemitgliedern gelesen und bewertet. Da in der Akademie nur schwedische Juroren sitzen, kann die überwiegende Zahl der Exponate auch nur in Übersetzungen beurteilt werden. Der Name der die meisten Stimmen erhält, bei Stimmengleichheit entscheidet der oder die Vorsitzende, wird dann ausgezeichnet. In der Geschichte des Literatur-Nobelpreises gab es übrigens nur 14 Preisträgerinnen gegenüber 103 Männern. Die längste Zeit zwischen zwei Preisträgerinnen betrug 25 Jahre.

Kazuro Ishiguro ist in England sehr beliebt und er schreibt auch auf englisch, da dies die Sprache ist, die er von Kindesbeinen an gelernt hat. Seine Protagonisten, immer Ich-Erzähler, ertragen alles mit einer stoischen Akzeptanz. Obwohl in England aufgewachsen, spielen seine beiden erstes Bücher in Japan „Damals in Nagasaki“ und „Der Maler der fließenden Welt“. In beiden Romanen geht es um die japanischen Erfahrungen während des zweiten Weltkrieges und dem Umgang mit diesen.

Sein dritter Roman „Was vom Tage übrigblieb“, 1989 veröffentlicht und 1993 verfilmt – Ishiguro begann erst spät, im Alter von etwa 30 Jahren zu schreiben – ist hingegen ein typisch englisches Buch. Sein Erzähler ist ein älterer Butler, der früher Lord Darlington gedient hat und nun in Diensten des amerikanischen Millionärs Farraday steht, der den Besitz Darlington Hall gekauft hat. Während der fünfwöchigen Abwesenheit des neuen Besitzers erhält der Butler Stevens die Gelegenheit mit dem Wagen für eine Woche durch England zu fahren. Auf dieser Fahrt besucht Stevens die frühere Haushälterin Miss Kenton in Cornwall, in sie war er einmal verliebt, die inzwischen verheiratet ist, sich jedoch von ihrem Mann getrennt habe, wie sie in einem Brief mitgeteilt hat. Stevens möchte sie gerne wieder nach Darlington Hall zurück holen. Während dieser Fahrt nun erzählt Stevens aus seinem Leben in Diensten von Lord Darlington und in typischer Butlerhaltung stehen alle persönlichen Dinge und Gefühle hinter dem dienstlichen Verhalten zurück.

Durch die Schilderung im Ich-Stil, so Michael Serrer, haben die LeserInnen die Möglichkeit sich in den Kopf, in das Herz des Erzählers zu begeben, mit diesem zu fühlen und zu urteilen. Den LeserInnen ist es jedoch auch gegeben zu erkennen, wenn das Verhalten des Erzählers nicht stimmig ist und er eigentlich hätte sich anders verhalten können, ja müssen.

Der nächste Roman von Kazuro Ishiguro „Die Ungetrösteten“, erschien 1995 und handelt von einem berühmten Pianisten, der in einer namenlosen, evtl. deutschen, auf jeden Fall europäischen Stadt ein Konzert geben soll. Dieser Aufenthalt wird für den Pianisten und seinen LeserInnen  zu einem Selbstfindungstrip.

In dem Detektivroman „Als wir Waisen waren“, 2000 erschienen, erzählt Ishiguro die Geschichte eines  Jungen, Christopher Banks, dessen Eltern, als er 10 Jahre alt war, plötzlich nacheinander verschwunden. Nach der Entlassung aus dem Internat will er herausfinden was damals passiert ist und fährt nach Shanghai. Zeitmäßig spielt die ganze Erzählung Anfang des 20. Jhdt. und dessen 30er Jahren, als China noch von den Ausländern dominiert wurde und Tschiang-Kai-schek und die Kommunisten um die Befreiung Chinas kämpften.

Zum Science-Fiction-Autor wird Ishiguro in dem Internatsroman „Alles was wir geben mussten“, seinem 2005 erschienen Buch. Dieses Buch handelt von einer jungen Frau, die als Klon in einer Schule erzogen wird. Die einzige Zweck der SchülerInnen ist es, für die Originalpersonen lebenswichtige Organe zu spenden. Übrigens erschien im gleichen Jahr der Film „Die Insel“, der einen ähnlichen Inhalt als Gegenstand hat. Nur sind es hier erwachsene Klone denen als großes Ziel die Fahrt zu einer Insel versprochen wird. Diese Insel ist jedoch in Wirklichkeit der OP-Saal, wo sie buchstäblich ausgenommen werden. Das Buch selbst wurde 2010 verfilmt.

Und gar Fantasy-Schriftsteller wird Ishiguro mit „Der begrabene Riese“, das von Daniel Kehlmann hoch gelobt wurde.  Zu dem Drachen in seinem eigenen Roman „Tyll“ hat er sich von dem Drachen in Ishiguros Buch anregen lassen. Der Roman „Der begrabene Riese“ spielt im 5. Jhdt., das geschichtlich so sehr im Dunkel liegt, dass es geradezu für eine phantastische Geschichte prädestiniert ist. Verbrechen und Hass in den Kriegen zwischen Sachsen und Kelten waren verebbt – Anregung zu diesem Thema gab das Massaker in Ruanda. Axl und Beatrice wurden aus ihrem Dorf vertrieben und machten sich auf die Suche nach ihrem Sohn, den sie lange Zeit nicht mehr gesehen haben. Dabei, und das ist der Schluss, kommen sie an ein Wasser über den eine Fähre führt. Üblicherweise wurde immer nur eine Person befördert, es sei denn, es handelt sich um ein wirklich liebendes Paar. Das wird, so hatten die Fährmänner entschieden, auch gemeinsam übergesetzt. Allerdings bleibt alles offen.

Kritiker nannten Kazuro Ishiguro eine Mischung aus  Jane Austen (1775-1817) und Franz Kafka (1883-1924), er selbst sieht seine Vorbilder in Anton Pawlowitsch Tschechow (1860-1904) und Fjodor Michailowitsch Dostojewski (1821 – 1881).

In der Neurologie gibt es den Begriff der Spiegel-Neuronen. In Versuchen hat die Wissenschaft herausgefunden, dass beim Lesen genau die Gehirnareale aktiviert werden, die auch aktiv beim eigenen Handeln sind. Nobel wollte mit seiner Stiftung Menschen auszeichnen, die die Welt verbessern. Lesen hilft andere besser zu verstehen und wirkt damit friedenstiftend. Gerade dies gelingt Kazuro Ishiguro mit seinen Ich-Erzählern besonders hervorragend. Und so hat das Nobelkomitee eine gute Wahl getroffen.

Mit diesem Urteil beendete Michael Serrer seinen spannenden Vortrag, der von den doch zahlreich erschienenen Zuhörern mit langem Beifall aufgenommen wurde, und der sicher dafür sorgt, dass Kazuro Ishiguro viele neue Leser gewinnen wird,

(Am Donnerstag, 18. Januar, liest Frau Madeleine Häusler, unsere Kulturreferentin, im Rahmen der Vorleserunde aus „Bei Anbruch der Nacht“ eine Kurzgeschichte.)