Karneval einmal klassisch

Warum unser Theatersaal an diesem Abend, dem 26.01.2018, relativ schlecht besetzt war, obwohl die Camarata Carnaval bereits im letzten Jahr (s. Beitrag vom 15.02.17) eine so vergnügliche und musikalisch überraschende Vorstellung gegeben hatte,  ist mir ein Rätsel, aber es war nun mal so. Das insgesamt 16. Programm der Camarata stand diesmal unter dem Motto: „Ihr künnt mich ens besöke kumme“ und wurde von einem fast komplett neu zusammengestellten Ensemble aufgeführt.

Der Erste Aufzug begann, wie sich das gehört, mit einer Begrüßung und Einführung in das Programm durch Burkard Sondermeier, den, wie er selbst ausführt, Sprecher, Sänger, Liedermacher, Autor, Baas und „La Fumm“. Mit von der Partie sind noch Igor Kirillov, Klavier, Orgel, Xylophon; Regina Rücker, Violoncello, Klavier; Christoph Schumacher, Schlagwerk, Orgel, Instrumentarium scurillum; Joon Laukamp, Violine, Mandoline (Flitsch), Gitarre (Coimbra); und Pierce Black, Kontrabass, Gitarre (ein Neuseeländer in Köln).

Von links: Kirillov, Rücker, Sondermeier, Black, Laukamp, Schumacher

Der musikalischen Auftakt gehörte der Quadrille Carnavalesque „Le Tintamarre Parisien“ von Henri Bohlman Sauzeau (Lebensdaten unbekannt) der in der zweiten Hälfte des 19. Jhdt. viele Stücke, besonders für das Klavier, komponierte. Seine Spezialität war die „infernalische“ Quadrille, was wiederum Jaques Offenbach zu seinem Can Can anregte. Es folgte das Lied „Die kölschen Schusterjungen“, Lied mit Orgelbegleitung, vorgetragen von Burkard Sondermeier und beim Refrain kräftig unterstützt vom Auditorium. Igor Kirillov zeigte dann am Piano was er kann. Die „Sérenade Carnalvalesque“ von Camille Erlanger (1863-1919) spielte er großartig.

Ein Chanson, ein Gossenlied aus dem Frankreich des 17. Jhdt., mit dem Titel „Die Schöne und der Bucklige“ wurde von Burkard Sondermeier, unter Begleitung einer Drehorgel, von ihm selbst nachgedichtet und arrangiert, vorgetragen. Es folgte ein Verzäll, „Der Bagger“. Burkhard Sondermeier war es dann auch, der diese kölsche Geschichte auf seine beredte Art vortrug. In dieser Geschichte geht es darum, dass ein Hausbesitzer seinen Garten umgestalten will. In seiner Stammkneipe erzählt er davon, dass hierzu ein Bagger notwendig sei, aber zuvor wolle er noch in Urlaub fahren. Hilfsbereit bekommt er die Zusage, dass der Wirt sich schon darum kümmern würde. Und tatsächlich, nach seiner Rückkehr steht ein orangefarbener Bagger in seinem Garten. Sofort macht er sich an die Arbeit und nach zwei Tagen ist der Garten auch schon hergerichtet. Glücklich kommt er in sein Stammlokal und erzählt der Wirtin, dass alles bestens funktioniert habe und die Arbeit getan sei. „Was ist nun mit dem Bagger?“ will er von der Wirtin wissen. „Den kann er behalten“ ruft der Wirt hinten hervor.

Ein besonderes Arrangement war danach zu hören. An der Drehorgel spult Burkard Sondermeier einen Lochstreifen mit der Bossa Nova „Manhã de Carnaval“ ab, während Igor Kirillov auf dem Xylophon begleitet, unterstützt von den Streichern Regina Rücker, Joon Laukamp und Pierce Black. Der Drummer Christoph Schumacher klappte den Rhythmus mit den Händen und dem Mund dazu. Diese Bossa Nova des brasilianischen Gitarristen Luiz Bonfa (1922-2001) war übrigens Soundtrack des Filmes „Orfeo Negro“ im Jahr 1959 unter der Regie von Marcel Camus. (Für mich eine wunderbare Transformation der Geschichte von Orpheus und Eurydike in die Neuzeit.)

Vor dem nächsten Verzäll erklang, von Burkard Sondermeier vorgetragen, „Der Mottenblues“, ein Amourellchen mit dem Text, der Musik und dem Arrangement aus dem Jahr 2013, vom Sänger selbst. Das Verzäll (ist das der richtige Artikel hierfür?) hatte die Geschichte eines, früher in Köln wohnenden, Autofahrers und einem Rollerfahrer, der die Ente bewundert und sofort nach dem Alter derselben fragt, zum Inhalt. Sie begegnen sich im Stau der Kölner Innenstadt immer wieder. Der Autofahrer in seiner 40 Jahre alten Ente gesteht im Verlauf des Stop and Go, dass er vor vielen Jahren aus Köln weggezogen ist, was den Rollerfahrer zu dem erzürnten Ausruf: „Du A***loch, du lässt uns und unsere einmalige Stadt im Stich – – wie alt ist die Ente?“ (verkürzt dargestellt) veranlasst.

Das letzte Stück vor der Pause war nicht die Samba „Los Carnaval“ von Charles Verstraete (1924-2008), vom gesamten Ensemble toll interpretiert, sondern der Karnevalschlager aus dem Jahr 1939 „Die hinger de Jadinge ston un spinxe“ von Jupp Schlösser (1902-1983) getextet und mit der Musik von Gerhard Jussenhoven (1911-2006). Darin wird erzählt, dass es viele verschiedene Menschen gibt, die alle zu akzeptieren sind. Die aber, die ihre Nachbarn bespitzeln und belauschen, die sind ein „Minscheschlag“ der zu verachten sei.

Toll interpretiert erklang nach der Pause das Chanson „Kuck doch nicht immer nach dem Tangogeiger hin“ von Friedrich Hollaender (1896-1976). Danach stellte Burkard Sondermeier die Contradictio in adiecto des Philosophen, Kunsthistorikers und Karnevalisten Heinrich Lützeler (1902-1988), ehemals Professor an der Uni Bonn, vor, nämlich die Frage: ob der Tango und der Kölner etwas gemein haben, gemein haben könnten? Hierauf erklang – selbstverständlich, ein Tango. Der aus dem Jahr 1938 stammende Tango „Carnaval de mi barrio“,  was übersetzt ins Kölsche soviel heißt wie „Kaneval hä em Veedel“, komponiert und getextet von Luis Moisés Rubistein (1908-1954).

Der Tango „Agata“, nach dem Text von Gigi Pisano (1889-1973) und der Musik von Giuseppe Cioffi (1901-1976) wurde in einer Nachdichtung von Burkard Sondermeier präsentiert. Sondermeier und sein Ensemble in Hochform. Es folgte das „Rondo a la Turca“, aus der Klaviersonate Nr. 11, KV 331/3,  von Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Dieses Rondo wurde von Burkard Sondermeier für Pianoforte und Schlagwerk eingerichtet und von Igor Kirillov und Christoph Schumacher ausgeführt.

In einer Bearbeitung des ungarischen Pianisten György Cziffra, gespielt auf dem Xylophon, erklang die „Tarantella Napoletana“ von Cioacchino Rossini (1792-1868). Gefolgt vom „Das Forellchen“ (La Truite) von Alexander Batta (1816-1902), einer Bearbeitung von „Die Forelle“ von Franz Schubert (1797-1828). Ein weiteres Verzäll brachte Burkard Sondermeier mit „Dä Willi un et Rös“ eine Begebenheit aus de Weetschaff „Beim Rös“.

Orientalische Klänge umhüllten die Zuhörer bei „Das Fest des Sultans“ aus der Suite „Persane“ von Parviz Mahmoud (1910-1996). Gespielt wurde mit Orgel- (Kirillov) und Paukenklängen (Sondermeier).

In der Bildmitte ist Burkard Sondermeier ganz auf die Pauke konzentriert.

Nicht ganz aktuell aber – et es un bliev esu wie et es! –  war dann das Coupleedche „Uns Kölle is die Hölle“ im alten Stil, aus dem Jahr 2011, mit dem Text und der Musik von B. Sondermeier. Hierbei werden Skandale – z.B. der U-Bahntunnel – aufgelistet. Im Refrain heißt es da: „Ja da hat ma noch Renommee und nu et es passee“. Danach erklang „Am Aschermittwoch ist alles vorbei“ von Jupp Schmitz (1901-1991) mit einem Nachspiel aus der „f-moll-Fantasie“ von Franz Schubert.

Die erzwungenen, aber auch bereitwillig gewährten Zugaben waren „a Paris“ aus der Operette „Ciboulette“ von Reynaldo Hahn (1874-1947) mit dem Schunkeldirigenten Burkard Sondermeier (die Zuhörer wurden so richtig in Bewegung gebracht) und das Coupleedche „Ihr künnt mich ens“, dem Motto des Abends, Text und Musik Burkard Sondermeier.

Ihr künnt mich ens besöke kumme,
besöke kumme,
besöke kumme,
All ihr Jerade un ihr Krumme,
all ihr Mädcher un ihr Junge,
all ihr Riche un ihr Prumme,
ihr künnt mich ens.

 

 

 

 

 

 

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