Anstand und Facebook

Der philosophische Gesprächskreis vom Februar, an dem ich leider nicht teilnehmen konnte, beschäftigte sich mit dem Thema Anstand. Nach Aussage von Dr. Thomas Ebers, dem Leiter dieser Gesprächsrunden, war infolge der guten und fundierten Diskussion der Unterschied zwischen „Anstand 1“, einem eher antiquierten Regelbegriff und „Anstand 2“, in dem es um das ethisch korrekte Miteinander zu tun ist, erarbeitet worden. Im Nachtrag zu dieser Diskussion legte Dr. Ebers, wie üblich, eine Literaturliste, die der Vertiefung des Themas dienen kann, vor. Diese Liste, mit den entsprechenden Erläuterungen, umfasst die folgenden vier Werke.

Adolph Freiherr Knigge (1752-1796) „Über den Umgang mit Menschen“ (1788). Der zumindest im Sprachgebrauch bekannte „Knigge“ war keineswegs ein Benimmbuch sondern ein Buch im Geiste der fortschrittlichen Aufklärung, dessen Quintessenz da lautet:

Handle gut und anständig, weniger anderen zu gefallen, eher um Deine eigene Achtung nicht zu verscherzen.

Axel Hacke  (*1956), Journalist und Schriftsteller, verfasste 2017 den Essay „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“. Hacke sammelt hier, weitgehend bekannte, Geschichten aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben (Gaffer nach Autounfällen, Hetze in sozialen Medien) mit dem Tenor, dass alles furchtbar sei. Dieser pessimistischen Sicht setzt Prof. Dr. Wolfgang Merkel (*1952), Politikwissenschaftler und Direktor der Abteilung Demokratie und Demokratisierung am Wissenschaftszentrum Berlin, seinen Artikel „Das Ende vom Ende der Geschichte“ im „Cicero“, ebenfalls im Jahr 2017, entgegen. Hierin sagt er:

Wir leben nicht in einem postdemokratischen Zeitalter, trotz der nicht enden wollenden Kassandrarufe. Wann soll denn die Blütezeit der Demokratie gewesen sein? In den fünfziger bis siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts? Also etwa in der Ära John F. Kennedys, als Afroamerikaner in sechs US-Bundesstaaten nicht wählen durften, Homosexuelle in fast allen demokratischen Staaten strafrechtlich verfolgt wurden, in Deutschland Frauen nur beschränkt geschäftsfähig waren, der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Strauß Journalisten im Ausland verhaften ließ und das Parlament anlog, und in der vermeintlichen Musterdemokratie der Schweiz bis 1970 fünfzig Prozent, natürlich die Frauen, nicht wählen durften? Die These vom goldenen Zeitalter hat keinen Bestand, verklärt man nicht postfaktisch die Geschichte.

Alles das, was für uns heute so selbstverständlich ist.

Emmanuel Levinas (1905-1995), 1940 in deutscher Kriegsgefangenschaft, seine Familie fiel in Litauen der nationalsozialistischen Ausrottungspolitik zum Opfer, hatte bereits in seiner Habilitationsschrift „Totalität und Unendlichkeit“ seine Hauptthese aufgestellt:

Der Andere ist absolut anders und nicht bloß ein anderer Fall dessen, was ich auch bin und somit nur ein Abbild ist von dem Bild, das ich mir von dem anderen mache.

Von dieser Rückschau aus wurde das gestrige Thema dann angegangen. Die aktuelle Kritik an Facebook. Dr. Ebers kritisierte, dass die Berichterstattung nur den kriminellen Akt des Datendiebstahls im Fokus hat, während die spannendere Frage doch eigentlich ist wie wir es hinbekommen, dass die Menschen mit Facebook umgehen können. Beim Aufenthalt in den Sozialen Netzen werden die gesammelten Daten der Nutzer für Werbezwecke eingesetzt. Dies ist das ganz klare Geschäftskonzept. Auch wenn die Initiatoren der Netze vielleicht philanthropische Intentionen hatten (Verweis auf das Buch „Der Circle“ von Dave Eggers), um das Netz zu finanzieren musste eine geschäftliche Grundlage geschaffen werden, die sich inzwischen als überaus erfolgreich herausgestellt hat. Studien über YouTube haben gezeigt, dass bei jedem neuen Video, das vorgeschlagen wird, eine Steigerung der Extreme gegeben ist. Im Zusammenhang mit den Sozialen Netzen wird auch vom Sirenensurfen gesprochen. Weil mir als User der Ausstieg sehr schwer gemacht wird, denn wenn ich mich aus dem Netz verabschiede, dann bin ich auch gleichzeitig abgehängt von der stattfindenden Kommunikation. Die Sozialen Netze sind ja nicht per se schlecht. Das Problem nur mit Facebook, Google, Twitter und Pinterest ist, dass es sich hierbei um Unternehmen mit Monopolstellung handelt. Dieses Monopol kann eigentlich nur durch die Öffnung des geschlossenen Systems aufgebrochen werden. Der kritische Umgang mit den Medien generell ist unbedingt notwendig. Bei den Sozialen Netzen ist die Gefahr, dass nur ein einziges Medium als Informationsquelle genutzt wird und dadurch eine komplett einseitige Sichtweise entsteht. Abschließend wurde noch kurz darauf eingegangen, dass Deutschland bei der Digitalisierung weit hinter den weltweiten Standards zurück, ja praktisch abgehängt ist. Nicht zuletzt deshalb ist es schwierig bereits den Kindern und Jugendlichen einen bewussten Umgang mit dem Sozialen Netz zu vermitteln. Was wiederum zu dem Thema Bildung und Kompetenz führte, das bei der nächsten Zusammenkunft, es sei denn ein weltbewegendes Ereignis kommt dazwischen, diskutiert werden soll.