Seminar in der Fastenzeit – Goethe und die Religion II

* Tag 2 *

Der junge Dichter hatte es nicht leicht, als er im Jahr 1765, auf Geheiß seines Vaters, in Leipzig das Jurastudium aufnahm.

Goethe 1765 Ölgemälde von Joh. Anton Kern, das 1943 verbrannte (Quelle: Wikipedia)

In seiner neuen Umgebung wirkte er wegen seiner Kleidung und hessischen Sprache, wo doch in Leipzig französisch aktuell war, eher provinziell. Und seine Jugendgedichte, in Frankfurt in einer Zeitung abgedruckt, ernteten mehr Spott als Anerkennung. In einem Brief an seine Schwester beklagte er, dass er lächerlich wirke und er alles verbrennen würde. Doch Goethe passte sich schnell der neuen Umgebung an, vernachlässigte sein Jurastudium und ging lieber zu den Poetikvorlesungen von Christian Fürchtegott Gellert. Dieser war jedoch keine Hilfe für Goethe. Gellert war einfach überholt. Nicht Kirche und Altar waren länger Vorbilder, sondern die Ideale der Aufklärung und Freiheit.

An dieser Stelle wurde durch Frau Neisel die Arie „In diesen heil’gen Hallen“ aus der Zauberflöte von Mozart eingespielt.

Am Abend genoß er die neue Freiheit und verbrachte  mit Freunden oder Theaterbesuchen seine Zeit. Er schrieb auch neue Gedichte, die nun bei den Freunden gut ankamen

DAS SCHREIEN

Jüngst schlich ich meinem Mädchen nach,
Und ohne Hindernis
Umfaßt’ ich sie im Hain; sie sprach:
„Laß mich, ich schrei’ gewiß!“
Da droht’ ich trotzig: „Ha ich will
Den töten, der uns stört!“
„Still“, winkt sie lispelnd, „Liebster, still,
Damit dich niemand hört!“

In die Leipziger Zeit fiel auch seine erste ernsthafte Liebe. Die Romanze mit Käthchen Schönkopf währte zwei Jahre und wurde im gegenseitigen Einvernehmen gelöst. Befördert durch diese neuen Gefühlserfahrungen schrieb Goethe einige anakreontische (verspielt-galant) Gedichte, die von seinem Freund und Mentor Ernst Wolfgang Behrisch abgeschrieben und illustriert zu dem Buch Anette wurden. Infolge all dieser Gefühlsverwirrungen kam es bei dem Jüngling zu einem totalen Zusammenbruch. Geistig, seelisch und körperlich am Rande des Kollaps kam es im Jahr 1768 zu einem schweren Blutsturz. Als er endlich wieder reisefähig war kehrte er, nach drei Jahren und ohne Examen, nach Frankfurt ins Elternhaus zurück.

Goethe verbrachte eine lange Rekonvaleszenz. Eine Freundin der Mutter, Susanne von Klettenberg (1723-1774), brachte ihm das Gedankengut der Herrnhuter nahe. Goethe wurde sprachlich wieder gläubig. In Dichtung und Wahrheit schreibt er darüber, dass er Fräulein von Klettenberg öfter besuchte und ihr einmal eine Zeichnung, sie am Fenster sitzend, überreichte, zusammen mit einem Lied

Sieh in diesem Zauberspiegel
Einen Traum, wie lieb und gut,
Unter ihres Gottes Flügel
Unsre Freundin leidend ruht.

Schaue, wie sie sich hinüber
Aus des Lebens Woge stritt;
Sieh dein Bild ihr gegenüber
Und den Gott der für euch litt.

Fühle, was ich in dem Weben
Dieser Himmelsluft gefühlt,
Als mit ungeduldigem Streben
Ich die Zeichnung hingewühlt.

Über den Einfluss der Herrnhuter hat er in seinen Briefen an den Leipziger Freund Ernst Theodor Langer (1743-1820), ausführlich berichtet. Musikalisch wurde diese Zeit mit einem Lied aus dem Gesangbuch der Herrnhuter-Gemeinde Ebersdorf untermalt.

1770 nahm Goethe erneut sein Jurastudium auf. Diesmal in Straßburg. Und mit mehr Ernst. Aber er hatte auch noch Zeit die Bekanntschaft mit Johann Gottfried Herder (1744-1803), Johann Heinrich Jung-Stilling (1740-1817), einem Augenarzt und mystischen Schriftsteller, sowie Jakob Michael Reinhold Lenz (1751-1792), dem deutsch-baltischen Schriftsteller des Sturm und Drang, zu pflegen. Auch auf’s neue hat er sich verliebt. Seine Liebe galt Friderike Brion, einer Pfarrerstochter. Nach der, von ihm herbeigeführten, Trennung verfiel Goethe in eine Depression, die er mit Laufen und Wandern bekämpfte.

Frau Neisel stellte Goethes Gedicht „Wanderers Sturmlied“, das er erst 40 Jahre nach der Entstehung 1772 veröffentlichte, die entsprechenden Bibelstellen – ganz besonders der Psalm 91 – gegenüber, die motivisch in diese Ode eingeflochten waren. Mit diesem Lied begann Goethes Sturm und Drang Periode. Zum Abschluss wurde das Gedicht „Prometheus“ gelesen.

Bedecke deinen Himmel, Zeus,
Mit Wolkendunst!
Und übe, Knaben gleich,
Der Disteln köpft,
An Eichen dich und Bergeshöh’n!
Mußt mir meine Erde
Doch lassen steh’n,
Und meine Hütte,
Die du nicht gebaut,
Und meinen Herd,
Um dessen Glut
Du mich beneidest.

Ich kenne nichts Ärmeres
Unter der Sonn‘ als euch Götter!
Ihr nähret kümmerlich
Von Opfersteuern
Und Gebetshauch
Eure Majestät
Und darbtet, wären
Nicht Kinder und Bettler
Hoffnungsvolle Toren.

Da ich ein Kind war,
Nicht wußte, wo aus, wo ein,
Kehrt‘ ich mein verirrtes Auge
Zur Sonne, als wenn drüber wär
Ein Ohr zu hören meine Klage,
Ein Herz wie meins,
Sich des Bedrängten zu erbarmen.

Wer half mir
Wider der Titanen Übermut?
Wer rettete vom Tode mich,
Von Sklaverei?
Hast du’s nicht alles selbst vollendet,
Heilig glühend Herz?
Und glühtest, jung und gut,
Betrogen, Rettungsdank
Dem Schlafenden dadroben?

Ich dich ehren? Wofür?
Hast du die Schmerzen gelindert
Je des Beladenen?
Hast du die Tränen gestillet
Je des Geängsteten?
Hat nicht mich zum Manne geschmiedet
Die allmächtige Zeit
Und das ewige Schicksal,
Meine Herren und deine?

Wähntest du etwa,
Ich sollte das Leben hassen,
In Wüsten fliehn,
Weil nicht alle Knabenmorgen-
Blütenträume reiften?

Hier sitz‘ ich, forme Menschen
Nach meinem Bilde,
Ein Geschlecht, das mir gleich sei,
Zu leiden, weinen,
Genießen und zu freuen sich,
Und dein nicht zu achten,
Wie ich!

 

 

 

 

 

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