Seminar in der Fastenzeit – Goethe und die Religion III

* Tag 3 *

Am dritten Tag des Seminars von Frau Neisel galt die Aufmerksamkeit der Symbolsprache Goethes und dessen religiös suchenden Lebensabschnitt. Zu sagen: „das ist nur ein Symbol“ greift auf jeden Fall zu kurz, denn hinter bzw. im Symbol verbirgt sich das Größere, das nicht unmittelbar zu Schauende. In die Sonne (das religionsübergreifende Symbol für Gott), das Göttliche kann man nicht schauen, während der Regenbogen Gottes Zeichen ist. Goethe sagte weiter zu diesem Thema:

Es ist ein großer Unterschied, ob ein Dichter zum Allgemeinen das Besondere sucht oder im Besonderen das Allgemeine schaut. Aus jener Art entsteht Allegorie, wo das Besondere nur als Beispiel, als Exempel des Allgemeinen gilt; die letztere aber ist eigentlich die Natur der Poesie, sie spricht ein Besonderes aus, ohne ans Allgemeine zu denken oder darauf hinzuweisen. Wer nun dieses Besondere lebendig faßt, erhält zugleich das Allgemeine mit, ohne es gewahr zu werden oder erst spät. Das ist wahre Symbolik, wo das Besondere das Allgemeine repräsentiert, nicht als Traum oder Schatten, sondern als lebendig-augenblickliche Erfahrung des Unerforschlichen.

Als Beispiel führte Frau Neisel die beiden Gedichte Meeresstille und Glückliche Fahrt an und wies auf die Symbolsprache darin hin.

Meeresstille

Tiefe Stille herrscht im Wasser,

ohne Regung ruht das Meer,

und bekümmert sieht der Schiffer

glatte Fläche rings umher.                      Herzschlag

Keine Luft von keiner Seite!

Todstille fürchterlich!                             Depression?

In der ungeheuren Weite

reget keine Welle sich.

****

Glückliche Fahrt

Die Nebel zerreißen

der Himmel ist helle,

und Äolus löset 

Das ängstliche Band.

Es säuseln die Winde,                      Tanz

Es rührt sich der Schiffer,

Geschwinde! Geschwinde!

Es teilt sich die Welle,

es naht sich die Ferne,

schon seh ich das Land!

****

Edith Stein (*1891 – 1942 ermordet im KZ), Philosophin, Frauenrechtlerin und Ordensfrau, 1998 heilig gesprochen, führt in ihrer 1924 erschienen Schrift „Was ist Phänomenologie?“ dazu aus:

Der Geist findet die Wahrheit, er erzeugt sie nicht. … ein Unfaßbares hier und ein Unfaßbares dort und doch so weit deutlich, daß eines mit dem anderen in Deckung gebracht und als Zugang zum andern verwendet werden kann, nicht willkürlicher Wahl und planmäßiger Vergleichung, sondern in symbolischer Erfahrung, die auf Zusammenhänge stößt und dadurch für begrifflich Unsagbares einen notwendigen bildhaften Ausdruck findet.

Und 1941, in der Einleitung zu „Kreuzeswissenschaft“:

Jedes echte Kunstwerk ist überdies Sinnbild, gleichgültig ob es dies nach Absicht des Künstlers sein soll oder nicht … und zwar so, daß die gesamte Sinnfülle, die für alle menschliche Erkenntnis unerschöpflich ist, geheimnisvoll darin anklingt. So verstanden ist alle echte Kunst Offenbarung und alles künstlerische Schaffen heiliger Dienst.

Paulus schreibt im 1. Brief an die Korinther, Kap.13, Vers 12:

… Jetzt sehen wir alles nur wie in einem Spiegel und wie in rätselhaften Bildern; dann aber werden wir ‚Gott‘ von Angesicht zu Angesicht sehen. Wenn ich jetzt etwas erkenne, erkenne ich immer nur einen Teil des Ganzen; dann aber werde ich alles so kennen, wie Gott mich jetzt schon kennt. Was für immer bleibt, sind Glaube, Hoffnung und Liebe, diese drei. Aber am größten von ihnen ist die Liebe.

Worin ein ähnliches Sehen wie bei Goethe zum Ausdruck kommt.

Vorgelesen wurden Goethes Gedichte „Wanderers Nachtlied“, das einem Gebet nicht unähnlich ist;  „Ahnung und Anschauung“, das sich mit dem religiösen Ahnen und dem Sehen befasst; und „Ein Gleichnis“, das allbekannte

Über allen Gipfeln 

Ist Ruh,

In allen Wipfeln

Spürest du

Kaum einen Hauch;

Die Vögelein schweigen im Walde.

Warte nur, balde

Ruhest du auch.

****

Im rezitierten Brief vom 10. Mai aus Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ hier, zum Abschluss einige Zitate, die das zuvor Gesagte verdeutlichen:

… Wenn das liebe Tal um mich dampft, und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht, und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im  hohen Grase am fallenden Bache liege, und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden; wenn ich das Wimmeln der kleinen Welt zwischen Halmen … und fühle die Gegenwart des Allmächtigen, der uns nach seinem Bilde schuf, das Wehen des Alliebenden, der uns in ewiger Wonne schwebend trägt und erhält; … und die Welt um mich her und der Himmel ganz in meiner Seele ruhn wie die Gestalt einer Geliebten … daß es würde der Spiegel deiner Seele, wie deine Seele ist der Spiegel des unendlichen Gottes!

Die Seminarstunde endete mit dem von Franz Schubert (1797-1828) vertonten und von Peter Schreier gesungenem „Über allen Gipfeln ist Ruh“.

8 Gedanken zu „Seminar in der Fastenzeit – Goethe und die Religion III

  1. Nun kam mir prompt die Erinnerung an das pansophisch initiierte in Goethes Denken; „Die Adaptionen pansophischer Denkfiguren in Goethes Natur- und Menschenbild zeigen einmal mehr die inspirierende, transformierende und damit höchst lebendige Kraft dieser offiziell längst totgesagten Weisheitslehre. Weit davon entfernt, sich auf den Status einer okkulten Geheimlehre eingrenzen zu lassen, erscheint die ‚Weltweisheit‘ als das ursprünglich weit verbreitete frühneuzeitliche Streben nach Erkenntnis der Schöpfung, also nach dem, „was die Welt // Im Innersten zusammenhält“; ein Streben, dessen Spuren sich im poetischen Werk vielseitig interessierter Zeitzeugen spiegeln.“

    Danke für deinen Beitrag lieber brandy, Herzensgruß.

    Quelle: http://literaturkritik.de/id/8503

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