Rügen – der Westen

Am Mittwoch, dem 22.07.2018 waren wir auf Westrügen unterwegs. Bei der Ausfahrt aus Binz fuhren wir diesmal an Prora, diesem Synonym für Gigantismus und Größenwahn des Nazi-Reiches, vorbei. Inzwischen wird versucht, und teilweise sehr erfolgreich (Jugendherberge, sanierte Wohnungen, Doku-Zentrum) diesen 5 km langen Riesenkomplex, der ja unter Denkmalschutz steht, umzugestalten und für sinnvolle Nutzung herzurichten. Prora aber ist nicht nur dieser Baukoloss sondern auch ein Ortsteil von Binz und eine 9,5 km lange Nehrung zwischen Binz und Neu Mukran der so genannten „Schmalen Heide“.

Der erste Stop bei diesem Ausflug lag in Ralswiek, ca. 8 km von Bergen entfernt, von dem die Gemeinde auch verwaltet wird. Hier finden alljährlich die „Störtebeker-Festspiele“ statt. Nach einer sehr schönen Erklärung, keiner weiß ob sie wirklich so richtig ist, unserer Reiseleiterin, geht der Name Störtebeker auf folgenden Vorfall zurück: Bei einem Wetttrinken aus einem riesigen Bierhumpen sollen die Genossen von Nikolaus Stortebeker auf Platt gerufen haben: „Klaus stör de Beker“, also stürze bzw. leere den Becher. Klaus Störtebeker, der Seeräuber wurde 1401 zusammen mit 72 Gefährten in Hamburg hingerichtet. Im Jahr 1959 wurde innerhalb von fünf Monaten die Naturbühne Ralswiek für die Rügenfestspiele errichtet. In den Jahren 1959-1961 und 1980-1981 wurde hier die Dramatische Ballade „Klaus Störtebeker“ aufgeführt. Seit 1993 wird die Geschichte Störtebekers quasi in Fortsetzungs-Erzählungen mit 140 Statisten, 20 Schauspielern, 30 Pferden und 4 Schiffen mit Schiffsführern aufgeführt. Insgesamt haben inzwischen mehr als 7,5 Millionen Besucher die Aufführungen verfolgt.

Anschließend fuhren wir nach Gingst (der Ortsnamen gab mir sogleich die leicht alberne Assoziation ein: „gingst du gen Gingst, gingst du nach Gingst und gingst von mir“, an der Koselower See, gegenüber der Insel Ummanz gelegen. Hier besuchten wir die Historischen Handwerkerstuben. In liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern können die Besucher einen Blick auf das Leben um 1900 werfen, als Wohnen und Arbeiten noch in der gleichen Wohnung stattfanden.

Meine Frau und ich gingen dann noch zu der St. Jakob-Kirche, die bereits im 13. Jahrhundert entstand. Aus dieser Zeit stammt noch der Chor. Bei einem großen Brand in der Ortschaft wurde auch die Kirche beschädigt und es musste 1726 eine aufwendige Erneuerung erfolgen. 1816 wurden weitere Teile neu gestaltet. In der Kirche befindet sich eine reich verzierte hölzerne Kanzel von 1743, und eine Orgel des Orgelbauers Christian Kindten aus dem Jahr 1790.

Als letzte Station des Tages wurde die Insel Ummanz angefahren, wo wir die Kirche in Waase besuchten. Diese St.-Marien-Kirche wurde erstmals 1322 urkundlich erwähnt. Ihr kostbarstes Stück ist sicherlich das Antwerpener Retabel, das etwa 1520 entstand. Ursprünglich, so wird vermutet, war dieses Altarbild für eine englische Kirche gedacht, denn es zeigt Szenen aus dem Leben von Thomas Becket, Lordkanzler von König Heinrich II. und Erzbischof von Canterbury (1162-1170). Warum auch immer, das Retabel gelangte in die St. Nikolai-Kirche von Stralsund. Im Jahr 1702, der Geschmack hatte sich beim Umbau des dortigen Chores wohl geändert, wurde der prächtige Flügelaltar für 50 Taler an die Kirche von Waase verkauft. Stralsund hätte das gute Stück inzwischen gerne wieder zurück gekauft, doch da spielten die Waaser nicht mit. Und so ist das Prachtstück in dieser kleinen Kirche zu bestaunen. Außerdem ist noch eine Renaissance-Kanzel von 1572 zu sehen. Interessant ist auch die Brüstung vor der Orgel mit ihren vielen Bildern.

Dieser Mittwoch war auch der Tag an dem die deutschen Fußballer ihr Spiel der letzten Chance hatten, und so brachte uns Jürgen rechtzeitig um 16:00 Uhr zurück. Auf diese Weise konnten wir die größte Blamage der wohl teuersten DFB-Auswahl am TV mitverfolgen. Zwei Stunden in der Natur wären ergiebiger geworden.

2 Gedanken zu „Rügen – der Westen

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