(Wann) Darf man lügen?

Dies war das Thema des philosophischen Gesprächskreises der, wie immer, unter der Leitung von Dr. Thomas Ebers stattfand. Wie gewohnt wurde eine Literaturliste zum vorangegangenen Thema „Scham, Sünde, Schuld“ von Dr. Ebers vorgelegt und kommentiert.

So von Susan Neiman, US-amerikanische Philosophin, die seit 2000 als Direktorin am Einstein Forum in Potsdam wirkt, „Moralische Klarheit. Leitfaden für erwachsene Idealisten“. Ihr Buch ist ein Appell gegen Resignation und für eine tatkräftige Aufklärung. In der moralische Klarheit der Sprache, in der das, was schlecht ist auch so bezeichnet wird, einer weiteren „Erosion der Scham“ vorbeugt.

Emmanuel Levinas (1905-1995), ein französisch-litauischer Philosoph und Autor, der 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft kam – er schwor niemals wieder deutschen Boden zu betreten, nachdem er erfahren hatte, dass seine Eltern und Brüder in Litauen der nationalsozialistischen Ausrottungspolitik zum Opfer gefallen waren -. In seinem Essay von 2002 „Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität“ spricht Levinas von einer Freiheit, die über sich selbst Scham empfinden kann.

In seinem bereits 1956 erschienenen Buch „Die Antiquiertheit des Menschen, Band 1“ prägte der deutsche Dichter und Philosoph Günter Anders (1902-1992) den Begriff der prometheischen Scham. Das sei die, von dem Wunsch, selbst wie eine Maschine zu sein, erzeugte Scham des Menschen angesichts der eigenen Unterlegenheit gegenüber seinen technischen Schöpfungen. 

Mit den „Likes“ in den sozialen Netzwerken befasst sich der Medienwissenschaftler Johannes Paßmann in seinem Buch: „Die soziale Logik des Likes“, einer, wie er es nennt, Twitter-Ethnografie. Für ihn ist es wichtig, den Wandel der zwischenmenschlichen Kommunikation in der Gesellschaft ernst zu nehmen. Möglichst viele Follower und Likes erreichen zu wollen kann aber auch dazu führen, dass eine vorauseilende Eigen-Zensur nur noch das zulässt von dem angenommen wird, dass es zur Belohnung, also zu Likes führt. 

Einer der Teilnehmer fragte im Zusammenhang mit diesem Thema: wo denn der Tabu-Bruch, er denke da an den chinesischen Wissenschaftler, der Embryonen gentechnisch verändert haben will, einzuordnen sei. Er selbst sehe ihn bei der Scham, da die Reaktionen nur dazu geführt haben könnten. Dr. Ebers selbst ordnete diesen Tabu-Bruch jedoch eher der Schuld zu. Daraufhin entwickelte sich eine Diskussion zum Thema der Ethik in der wissenschaftlichen Forschung; zur Frage der automatischen Zustimmung bei der Organspende, wie dies von Gesundheitsminister Spahn gefordert wird; was macht den Menschen zum Menschen; bis hin zur Angst vor dem Tod bzw. vor dem Sterben. 

Der letzte Ansatz führte zurück zum eigentlichen Thema, indem Dr. Ebers fragte ob ein Arzt seinem todkranken Patienten die Wahrheit sagen oder ihn belügen soll. Ist eine Notlüge erlaubt oder sollte die dritte Möglichkeit gewählt werden, das Schweigen? Von Augustinus bis Kant und Nietzsche wurde der Lüge/Unwahrheit ja grundsätzlich eine Absage erteilt. Die Entwicklung in der Gesellschaft geht mehr und mehr Richtung: egal was wirklich ist, ich mache mir die eigene Wahrheit. Ein trauriges Beispiel hierfür ist ja leider der amerikanische Präsident, dem egal ist was er sagt, für ihn stimmt es. So werden nur noch Behauptungen geäußert, die keine Diskussion zulassen. Der Begriff „Bullshit“ ist für diese Äußerungen prägend geworden, die sinnfrei sind, aber mit Absicht erfolgen.

8 Gedanken zu „(Wann) Darf man lügen?

  1. Ich bin da sehr bei Susan Neiman und praktiziere seit meiner Kindheit die moralische Klarheit der Sprache, die mir kurzfristig zwar häufig sowohl erwartete als auch ertragene Schwierigkeiten sowie Nachteile einbrachte, auf Dauer jedoch zu Liebe und Wertschätzung führte.
    Bei diesem Anspruch darf man überhaupt nicht lügen, muss jedoch bisweilen Schuld und Scham für Entscheidungen zu einer Un- bzw. Halbwahrheit auf sich nehmen, um größeren Schaden – für den jeweiligen Moment – von einem Menschen abzuwenden.

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