Europa ohne Zukunft?

Dass dies nur eine rhetorische Frage sei machte Dr. Thomas Ebers (*1964), Philosoph, Soziologe und Religionswissenschaftler, Gründer und Leiter des  4 2 3 Institut für angewandte Philosophie und Sozialforschung in Bonn; – meinen Leserinnen und Lesern evtl. bekannt aus meinen Berichten über den Philosophischen Gesprächskreis im Augustinum, – gleich zu Beginn seiner Ausführungen klar. Gleichzeitig warb er für eine Teilnahme an der Europawahl im Mai diesen Jahres, denn, so seine überzeugte Ansage: Europa hat eine Zukunft! In seinem Vortrag ging Dr. Ebers ganz bewusst nicht auf die tagespolitischen Themen ein, was auch gut war, denn darin kann mensch sich nur zu schnell in mehr oder minder wichtigen Details verheddern, so dass der Blick auf die Grundlage des europäischen Gedankens verstellt wird.

Um seine These zu untermauern stellte Dr. Ebers zunächst einige Zahlen in den Raum. So ist der Bevölkerungsanteil im Verhältnis zu allen Menschen seit dem 19. Jhdt. stetig gesunken. Lag er damals noch bei 25%, so waren es 1950 noch 21% und liegt seit 2005 bei nur noch 11%. Asien und Afrika werden immer bedeutender, so dass ein starkes Europa zu bilden eine immer dringendere und notwendigere Aufgabe ist. Das beginnt ganz prosaisch schon bei der Beteiligung an der Europawahl. Gingen 1979 noch 63% zur Wahl, so lag die Beteiligung 1999 bei 49,8% und 2014 waren es gerade noch 43,1%. Gleichzeitig gibt es eine immer größere Skepsis in den einzelnen Staaten (bis hin zum Brexit), besonders in den rechtspopulistischen Regierungen. Auf der einen Seite also die dringende Notwendigkeit eines starken Europas, praktisch jedoch vorherrschende Skepsis.

Aber was ist eigentlich Europa? Da ist einmal die EU (Europäische Union), und darin wiederum die Eurozone; insgesamt 49 Staaten im 1949 gegründeten Europarat (inkl. Russland und der Türkei); dann noch Europa als Kontinent. Eigentlich ein Subkontinent von Eurasien ist Europa (in seiner wörtlichen Bedeutung „weites, offenes Land) ein mehrdeutiger Begriff. Europa, auf die phönizische Königstochter Eurṓpē, die von Zeus in Stiergestalt nach Kreta entführt wurde, zurückgehend, ist demnach ein von außen initiierter Begriff. In der Antike war damit zunächst nur der Peloponnes gemeint, und erst Herodot (490/480 v. Chr. – 430/420 v. Chr.) benutzte diesen Namen für die Landmassen nördlich des Mittelmeers und des Schwarzen Meeres, die er so von Asien und Afrika unterschied. Danach wurde Europa erst wieder aufgrund der türkischen Angriffe als Einheit begriffen. Für Bernard-Henry Lévy ist Europa kein Ort sondern eine Idee. Europa ist eine Mischung vieler kultureller Einflüsse und keineswegs nur christlich geprägt. Daher, so Dr. Ebers, ist eher die Bezeichnung eines Monotheistischen Europas richtig.

Die Aufklärung ist ein europäisches Projekt, dessen Grundlage sind:

  • 1. Erziehung, Bildung und Kritik
  • 2. Vernunft und das eigene Denken geht vor Obrigkeit
  • 3. Religiöse Toleranz
  • 4. Moral ist wichtiger als Glück
  • 5. Demut und Ehrfurcht
  • 6. Hoffnung und Fortschritt

Das politische Europa ist daher ein Projekt der Aufklärung, denn Europa wurde in der Aufklärung geboren und Europa trägt dieses Projekt weiter.

Die vordringlichste Aufgabe besteht deshalb darin: 1. die Legitimationskrise zu überwinden, 2. die Gemeinschaft zu stärken und 3. die Utopie zu verwirklichen.

Das wiederum bedeutet:

1a) die Differenz zwischen Immigrant und Natives zu überwinden, die darin besteht, dass die sogen. Immigrant die unsicheren Zeiten vor dem europäischen Zusammenschluss erlebt haben oder erinnern, während die Natives nur die Zeit danach kennen, ohne Kriege und all den daraus entstehenden Verwerfungen. Es gilt einen Vergleichsmaßstab zu finden und ein europäisches Selbstverständnis zu entwickeln.

2a) die Grundlage Europas war und ist antinationalistisch, subsidäritär, sowie patriotisch aber nicht nationalistisch;

3a) Pragmatische Aspekte müssen in den Vordergrund rücken. Die Finanzkrise im Euroraum muss überwunden werden, wobei nicht vergessen werden darf, dass der Euro hauptsächlich eingeführt wurde um Deutschland in die Gemeinschaft einzubinden. Europa war von Anfang an ein politisches Projekt. Europa, so führte Dr. Ebers weiter aus, kann eine Herzenssache werden wenn das Projekt Aufklärung in den Vordergrund rückt und grenzüberschreitend daran gearbeitet wird. Für Jürgen Habermas (*1929), den deutschen Philosophen und Soziologen hat Europa Vorbildcharakter, ist Regulativ und Utopie. Eutopia einmal als E-utopia, utopisches Europa, oder als Eu-topia, guter Ort.

Immanuel Kant (1724-1804) sagte über seine Zeit, dass er zwar im Zeitalter der Aufklärung lebe, aber nicht im aufgeklärten Zeitalter. Dies ist auch noch für die heutige Zeit gültig und zeigt deutlich, dass die Utopie Europa verwirklicht werden sollte. Darum ist Europa für Dr. Ebers eine Herzenssache und sollte es auch für jeden Europäer sein.

Mit diesen Worten beendete Dr. Ebers seinen interessanten und kurzweiligen Vortrag, der von den erfreulich vielen Zuhörern mit lang anhaltendem Beifall bedacht wurde.

5 Gedanken zu „Europa ohne Zukunft?

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