Seminar in der Fastenzeit – Goethe und die Religion IV

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Heute, am letzten Tag des Seminars, standen Goethes Farbenlehre und der „West-östliche Divan“ im Mittelpunkt.

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1777 bestieg Goethe bei seiner Harzreise auch den Brocken. Die farblichen Änderungen, die er beim Sonnenaufgang im Schnee gesehen hat versetzten ihn in eine „Feenwelt“. In seinem Tagebuch vermerkte er „Heimweh. Im tiefen Schnee auf den Brocken. 1/4 nach 1 oben, um 4 zurück“.

Im Erstdruck hatte Goethe seine Farbenlehre noch „Beiträge zur Optik“ genannt. Mit Hilfe von schwarzen und weißen Tafeln verfolgte er die farbigen Beugungs- und Brechungsspektren. Später ging er dazu über auch farbige, gebogene und runde Tafeln zu betrachten. Als nächsten Schritt nahm er noch ein mit Wasser gefülltes Prisma hinzu.

Im Kapitel  über „Allegorischer, symbolischer, mystischer Gebrauch der Farbe“ in Goethe’s „Farbenlehre“ ist der oben abgebildete Farbenkreis (1809) zu sehen. Waren die Schlüsse Goethes bezüglich der Farbenlehre hoch umstritten, so sehen heutige Wissenschaftler durchaus richtige Ansätze. Die Farbenlehre ist ein gutes Beispiel für die umfassende Bildung und Interessen Goethes (Botanik, Steinkunde, Morphologie).

Wär nicht das Auge sonnenhaft,

Die Sonne könnt es nie erblicken;

Leg nicht in uns des Gottes eigne Kraft

Wie könnt uns Göttliches entzücken?

In einem Paralipomena (Nachträge, Zusätze) zur Farbenlehre heißt es:

„Das Auge ist das letzte, höchste Resultat des Lichtes auf den organischen Körper. Das Auge als ein Geschöpf des Lichtes leistet alles was das Licht selbst leisten kann. Das Licht überliefert das Sichtbare dem Auge; das Auge überliefert’s dem ganzen Menschen. Das Ohr ist stumm, der Mund ist taub; aber das Auge vernimmt und spricht. In ihm spiegelt sich von außen die Welt, von innen der Mensch. Die Totalität des Innern und Äußern wird durchs Auge vollendet“.

Goethe lebte seit 1789 mit Christiane Vulpius (1765-1816) in Gewissensehe zusammen und hatte mit ihr fünf Kinder, von denen vier früh starben und nur der erstgeborene Sohn, August (1789-1830) überlebte. Als im Jahr 1806 die napoleonischen Truppen in Goethes Haus am Frauenplan eindringen ist es diese Christiane, die sich energisch den Soldaten entgegen stellt und eine Plünderung verhindert. Aufgrund dieser mutigen Tat zeigt sich Goethe ebenfalls mutig und macht Christiane Vulpius zur offiziellen Frau von Goethe. 

Johann Wolfgang von Goethe [Public domain], via Wikimedia Commons

Goethes Gedicht „Wiederfinden“ wiederum kann nur mit Kenntnis des West-östlichen Divan, Goethe umfassendste Gedichtsammlung, verstanden werden. Die Beschäftigung mit dem Orient und sein Studium des Arabischen und Persischen führten Goethe zu dem persischen Dichter und Mystiker Hafis. Dessen Gedichte versetzten Goethe in eine produktive Hochstimmung, die er Johann Peter Eckermann (1792-1854) gegenüber als „eine wiederholte Pubertät“ bezeichnete. Dazu passt, dass er sich in dieser Zeit in Marianne von Willemer (1784-1860), die Frau des Bankiers und Theaterförderers Johann Jakob von Willemer (1760-1838), verliebte und die zu seiner Muse während des Schaffens am West-östlichen Divan wurde. Von ihr selbst stammen auch einige der Gedichte. Die aus der Frankfurter Zeit und dem Briefwechsel mit Marianne stammenden Gedichte fanden vor allem in dem Buch Suleika ihren Niederschlag.

Ach, um deine feuchten Schwingen,

West, wie sehr ich dich beneide:

Denn du kannst ihm Kunde bringen,

Was ich in der Trennung leide!

Die Bewegung deiner Flügel

Weckt im Busen stilles Sehnen;

Blumen, Augen, Wald und Hügel

Stehn bei deinem Hauch in Tränen.

Doch dein mildes sanftes Wehen

Kühlt die wunden Augenlider;

Ach, für Leid müßt‘ ich vergehen,

Hofft ich nicht, zu sehn ihn wieder.

Eile denn zu meinem Lieben,

Spreche sanft zu seinem Herzen!

Doch vermeid, ihn zu betrüben,

Und verbirg ihm meine Schmerzen!

Sag‘ ihm aber, sag’s bescheiden:

Seine Liebe sei mein Leben;

Freudiges Gefühl von beiden

Wird mir seine Nähe geben.

Und aus dem Buch der Liebe innerhalb des „West-östlichen Divan“ sei das Gedicht Lesebuch zitiert:

Wunderlichstes Buch der Bücher

Ist das Buch der Liebe;

Aufmerksam hab ich′s gelesen:

Wenig Blätter Freuden,

Ganze Hefte Leiden;

Einen Abschnitt macht die Trennung.

Wiedersehn! ein klein Kapitel,

Fragmentarisch. Bände Kummers

Mit Erklärungen verlängert,

Endlos, ohne Maß.

O Nisami! – doch am Ende

Hast den rechten Weg gefunden;

Unauflösliches, wer löst es?

Liebende, sich wieder findend.

Eine Verbindung des Gedichtes Wiederfinden

Ist es möglich! Stern der Sterne,
Drück ich wieder dich ans Herz!
Ach, was ist die Nacht der Ferne
Für ein Abgrund, für ein Schmerz!
Ja, du bist es, meiner Freuden
Süßer, lieber Widerpart;
Eingedenk vergangner Leiden,
Schaudr ich vor der Gegenwart.

Als die Welt im tiefsten Grunde
Lag an Gottes ewger Brust,
Ordnet‘ er die erste Stunde
Mit erhabner Schöpfungslust,
Und er sprach das Wort: Es werde!
Da erklang ein schmerzlich Ach!
Als das All mit Machtgebärde
In die Wirklichkeiten brach.

Auf tat sich das Licht: so trennte
Scheu sich Finsternis von ihm,
Und sogleich die Elemente
Scheidend auseinanderfliehn.
Rasch, in wilden, wüsten Träumen
Jedes nach der Weite rang,
Starr, in ungemeßnen Räumen,
Ohne Sehnsucht, ohne Klang.

Stumm war alles, still und öde,
Einsam Gott zum erstenmal!
Da erschuf er Morgenröte,
Die erbarmte sich der Qual;
Sie entwickelte dem Trüben
Ein erklingend Farbenspiel,
Und nun konnte wieder lieben,
Was erst auseinanderfiel.

Und mit eiligem Bestreben
Sucht sich, was sich angehört;
Und zu ungemeßnem Leben
Ist Gefühl und Blick gekehrt.
Seis Ergreifen, sei es Raffen,
Wenn es nur sich faßt und hält!
Allah braucht nicht mehr zu schaffen,
Wir erschaffen seine Welt.

So, mit morgenroten Flügeln,
Riß es mich an deinen Mund,
Und die Nacht mit tausend Siegeln
Kräftigt sternenhell den Bund.
Beide sind wir auf der Erde
Musterhaft in Freud und Qual,
Und ein zweites Wort: Es werde!
Trennt uns nicht zum zweitenmal.

und dem Psalm 139 stellte Frau Neisel in ihren Ausführungen  her, denn in beiden geht es um die Morgenröte und die Erscheinung des Lichts. Dieses Gedicht wurde von Goethe nicht nur im Buch Suleika (West-östlicher Divan), sondern auch unter Gott und Welt in der vollständigen Ausgabe letzter Hand von 1827-1830 aufgeführt.

Dass Frau Neisel den gesammelten Dankes-Betrag auch diesmal wieder einer Organisation für die Flüchtlingshilfe zuführte sei nur am Rand vermerkt.