Geschwister Brontë

Ich muss gestehen, dass ich mit dem Namen Brontë absolut nichts anfangen konnte. Aber Neugierde ist sicher nicht der schlechteste Grund um einen Vortrag zu besuchen. Und so ging ich mit einiger Erwartung am Montag, dem 4. Juni 2018 in unseren, recht gut besetzten Theatersaal. Im Rahmen der Kreis-Volks-Hoch-Schule (KVHS) Ahrweiler kam wieder einmal Dorothée Grütering um über ein literarisches Thema zu berichten. Und ihre Vorträge sind, durch ihre natürliche, mit viel Liebe zum Objekt dargebotene Präsentation immer hörenswert. Diesmal also „Die Brontës – unbeugsame Schwestern und Meisterinnen der Romankultur“. Vier britische Schriftsteller (drei  Schwestern und ein Bruder), die im 19. Jhdt. unter männlichem Pseudonym, nur der Bruder hatte dazu keine Veranlassung, ihre Werke veröffentlicht haben. Ihr Vater war ein irischer Geistlicher und Schriftsteller (1777-1861), der mit 25 Jahren, zu Beginn seines Studiums, den Familiennamen von Brunty in Brontë ändern ließ. 1820 trat er eine relativ gut dotierte Pfarrstelle in Haworth an.

Zu dieser Zeit waren die vier Kinder, die als Brontë-Geschwister bekannt sind, schon geboren und zwar: Charlotte (1816-1855), Branwell (1817-1848), Emily (1818-1848) und Anne (1820-1849). Zwei ältere Mädchen waren schon früh an Tuberkulose gestorben. Haworth war ein katastrophaler Ort, eine abweisende Dorfgemeinschaft, und die Pfarrersfamilie lebte in einem kalten Haus. Die Kinder durften nicht mit den Dorfkindern und diese nicht mit den Pfarrerskindern spielen.

Die Vier begannen schon im Kindesalter zu schreiben und zu zeichnen. Sie erdachten sich die beiden Phantasiereiche von Glass Town/Angria und Gondal. Darüber hinaus  verfassten sie die Zeitschrift Young Men’s Magazine nach dem Vorbild des Blackwood’s Magazine. Nach dem Tod der Mutter fand der Vater keine neue Frau, die sich diese Lebensumstände antun wollte. So kam als Miterzieherin eine Tante, eine Schwester des Vaters, ins Haus. Emily und Charlotte waren vorübergehend in einem Internat, in dem wohl schreckliche Zustände geherrscht haben müssen. Für 80 Kinder gab es nur eine Toilette und 53 von ihnen starben an Tuberkulose. Auf einem Porträt, das der Bruder Branwell gemalt hat, finden sich die 3 Frauen und, aus Unzufriedenheit mit dem Ergebnis, der ausgewischte Bruder. Branwell nannte das Bild „3 Krähen“.

von links: Anne, Emily, Charlotte
(Quelle: Wikipedia)

Leider erfüllten sich die in den Bruder gesetzten Erwartungen nicht. Diverse Anstellungen als Hauslehrer wurden gekündigt und auch als Bahnhofsvorsteher von Luddenden Foot wurde er, eines Fehlbetrages wegen, entlassen. Er wurde trunksüchtig und auch noch opiumabhängig. Branwell wurde schwer krank und starb, an Tuberkulose oder Nierenversagen, 1848 in Haworth, im Kreis seiner Familie.

Ganz im Gegensatz dazu seine Schwestern, die erste Romane allerdings unter ihrem Pseudonym, veröffentlichten, denn frühere Einreichungen wurden abgelehnt. Frauen haben sich in der Familie zu beschäftigen und nicht zu schreiben!

1846 veröffentlichten die Schwestern noch gemeinsam, allerdings im Eigenverlag, den Poesieband „Poems“. Von diesem Buch wurden gerade mal zwei Exemplare verkauft. Im Erwachsenenalter trennten sich die Wege der Geschwister aus beruflichen Gründen.

Charlotte trat 1835 eine Stelle als Lehrerin in Roe Head an und arbeitete von 1839 bis 1841 als Gouvernante. Ihre Absicht war, zusammen mit ihrer Schwester Emily, in Haworth eine eigene Schule zu gründen. Zu diesem Zweck hielten sich die beiden von 1842 an für zwei Jahre in Brüssel auf um ihre französisch Kenntnisse zu verbessern. Das Schulprojekt erledigte sich jedoch, wegen mangelnder Schüler, von selbst. 1847 hatte Charlotte mit ihrem Roman „Jane Eyre“, unter dem Pseudonym Currer Bell veröffentlicht, ihren literarischen Durchbruch. Insgesamt veröffentlichte sie sieben Romane.  Im Jahr 1854 heiratete Charlotte  Arthur Bell Nicholls (1819–1906), den Hilfspfarrer ihres Vaters. Ihre Hochzeit überlebte sie jedoch nur neun Monate.

Emily veröffentlichte 1847 ihren einzigen Roman „Wuthering Heights“ („Sturmhöhe“), ein tragischer Liebesroman, der noch heute zu den Klassikern der englischen Literatur zählt. Sie veröffentlichte unter dem Pseudonym Ellis Bell. Ihr Buch wurde als skandalös und unmoralisch empfunden. Sowas wird vielleicht, oder sogar bestimmt gemacht. Aber geschrieben wird das doch nicht! Für Emily war das schreiben mehr ein Hobby. Sie beschäftigte sich mit Tieren und liebte das Wandern und die Naturbeobachtung. Auch Emily starb früh. 1848 erlag sie vermutlich einer Lungenentzündung.

Anne veröffentlichte unter ihrem Pseudonym Acton Bell. Von ihr erschienen 1847 der Roman „Agnes Grey“ und 1848 „The Tenant of Wildfell Hall“ („Die Herrin von Wildfell Hall“). Der letztere Roman gilt als eines der ersten feministischen Bücher. Dieser Roman wurde auch zweimal als BBC-Serie verfilmt. Anne starb 1849.

Als die Geschwister einmal ihre wahre Identität preisgaben wurde von der männlich dominierten Welt nur gelästert. Und die Männer fanden, dass diese Bücher keine Lektüre für Frauen sei. So beschlossen sie auch weiterhin nur unter ihrem Pseudonym zu veröffentlichen. Erst 1899 erschien eine Werkausgabe der drei Schwestern unter ihrem wirklichen Namen im New Yorker Verlag Harper & Brothers.

Nach der ausführlichen Schilderung des Lebens und der Lebensumstände der Geschwister Brontë kam Frau Grütering kurz auf die Romane zurück. Es zeigte sich, dass die Schwestern sehr viel eigen Erlebtes oder Phantasiertes in ihren Werken verarbeitet haben. Außerdem findet sich darin eine genaue Schilderung der Verhältnisse und des Zeitgeschehens im 19. Jhdt.

Das ehemalige Pfarrhaus wurde inzwischen zu einem Museum umgestaltet, in dem sich alle Bücher und erhaltene Gegenstände aus dem „Brontë-Land“ finden.

Dorothée Grütering verstand es einmal mehr in ihrer unterhaltsamen und niemals langweiligen Präsentation das Leben dieser außergewöhnlichen, schreibenden Familie den Zuhörern nahe zu bringen. Ich hatte so eine Wissenslücke schließen können und wurde über drei ganz besondere Frauen informiert. Dankbarer und herzlicher Applaus waren der verdiente Lohn für die Referentin.