250 Jahre – 250 Piano Stücke

Das erlebt mensch wohl nicht allzuoft. Die Pianistin Susanne Kessel gab im Augustinum Bad Neuenahr am 17.08. ein Konzert. Das wäre an sich nichts außergewöhnliches, sie spielte jedoch 11 Stücke aus der Reihe „250 piano pieces for Beethoven“. Und darunter befand sich eine Uraufführung in Anwesenheit des Komponisten. Mein Gesamteindruck: es war ein tolles Konzert.

Zunächst aber zu der Künstlerin, Klavierlehrerin, Jury-Mitglied bei „Jugend musiziert“, Filmdouble (Franka Potente in dem Kinofilm „Blueprint“ (Regie: Rolf Schübel, 2004)) und Projektmanagerin, Susanne Kessel. Die Pianistin lebt in Bonn, der Geburtsstadt Ludwig van Beethovens. Sie studierte an der Kölner Musikhochschule bei Pi-hsien Chen und erhielt Förderung durch eine Reihe großer Musikpersönlichkeiten wie Peter Feuchtwanger, Aloys Kontarsky, Bozena Steinerova u.a. Außerdem besuchte sie Meisterkurse unter anderem bei Pierre Laurent Aimard, Karl-Heinz Kämmerling, Rudolf Kehrer, Edith Picht-Axenfeld, Detlef Kraus, Daniel Blumenthal. Konzertreisen führen sie durch Europa und die USA und über 30 Solo-CDs zeugen von ihrem hervorragenden Spiel.

Susanne Kessel begrüßt ihr Publikum

Das Projekt „250 piano pieces for Beethoven“ wurde von Frau Kessel 2013 gestartet und wird zum 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven seinen Abschluss finden. Zu diesem Zweck hat sie weltweit 250 Komponisten der verschiedensten musikalischen Genres eingeladen ein Stück zu schreiben, das durch die Beschäftigung  mit dem  großen Geburtstagskind inspiriert wurde. Die Uraufführungen aller Konzerte, inzwischen sind 153 angelangt, werden in Bonn – mit dieser besonderen Ausnahme – aufgeführt. Alle Komponisten steuern ihre Stücke vollkommen unentgeltlich zu diesem Projekt bei. Um für Nachhaltigkeit zu sorgen werden alle Stücke in einer Notenedition im Londoner Verlag Editions Musica Ferrum veröffentlicht und so der internationalen Musikwelt zugänglich gemacht. Die Kosten hierfür sollen durch sogenannte Patenschaften eingesammelt werden. Alle Paten werden jeweils am Ende der Komposition, für das sie ihre Patenschaft übernommen haben, aufgeführt. Inzwischen sind bereits 5 Bände veröffentlicht. Jeder Band enthält die Noten der Klavierstücke, Anmerkungen der Komponisten über ihre Klavierstücke, Biografien aller Komponisten, sowie je einen Essay  und Kommentare zu allen Klavierstücken von Prof. Rainer Nonnenmann.

Doch nun zum Konzert selbst. Alle Stücke – mit Ausnahme von Beethoven und Christian Gottlob Neefe – sind Kompositionen des Projektes.

Es begann, wie könnte es anders sein, mit Ludwig van Beethoven (1770-1827) und dem ersten Satz der Klaviersonate cis-moll, der „Mondscheinsonate“.

Kai Schumacher (DE), an der Folkwang Universität in Essen ausgebildet, und pendelnd zwischen Klassik und populärer Musik, entführte mit seinem kalt und glitzernd erklingenden Stück „A Little moonlight music“, unterstützt durch Eingriffe in die Klaviersaiten, in andere Sphären.

Markus W. Kropp (DE), der mit 7 Jahren Klavierunterricht erhielt und bereits mit 10 Jahren Konzerte von Bach,  Chatschaturjan, Mussorgski und anderen spielte, war persönlich anwesend um die Uraufführung seines Beitrages, betitelt „Beethoven’s Milimalism“, mitzuerleben. Mit seinem Werk bezog sich Kropp auf die „Patetique“, die Klaviersonate No. 8 von Beethoven. Dieser Beitrag wurde begeistert aufgenommen und entsprechend mit Applaus bedacht (nicht nur dieser aber der besonders).

Der Komponist Markus W. Kropp und Susanne Kessel

Der griechische Komponist Alexandros Georgiadis bezog sein Werk „Widmung an einen Titan“ auf die 5. Symphonie Beethovens und die charakteristischen 8tel waren nicht zu überhören. Zum Schluss des Stückes klappte mit lautem Klang der Klavierdeckel zu.

Ebenfalls aus Griechenland stammend, aber in Großbritannien lebende Komponist Nikolas Sideris ließ sich für seine Musik vom Das Heiligenstädter Testament von Beethoven, in dem dieser seine ganze Not und Einsamkeit thematisierte, inspirieren und legte dem Titel Beethovens eigene Zeilen zugrunde: „O ihr Menschen, die ihr mich für feindselig, störrisch oder misanthropisch haltet oder erkläret, wie unrecht tut ihr mir!“. Gleichzeitig ist Sidiris auch noch der Verleger der Notenbücher für das Gesamtprojekt.

Hernán Quintela (AR), ein Komponist, Pianist, Sänger und Keyboarder bezog sich wieder auf die „Pathetique“ und sah vor seinem geistigen Auge Beethoven zur jetzigen Zeit in Buenos Aires durch die Straßen gehen, die Kultur und Musik Argentiniens aufnehmend.

Von Christian Gottlob Neefe (1748-1798), er war ab 1782 Lehrer von Beethoven und veröffentlichte auch dessen erste Werke.  Von ihm war der 2. Satz aus seiner „Sonate Nr. 9 c-moll“ und der luftig und heiter daherkommende 3. Satz aus der „Sonate Nr. 4 c-moll“ zu hören.

Ihm folgte wieder ein „Projekt-Komponist“, Jan Mannee (NL), der sein Werk kurz und einfach „Für …“ nannte. Beethovens Klavierstück von 1810 „Für Elise“, einem der populärsten Stücke des Komponisten, war der Bezugspunkt, aber auch andere seiner Werke waren mit einbezogen.

Besonders toll fand ich dann „Kannst du mich noch hören?“. Ein Stück des US-amerikanischen Komponisten Bruce Broughton. Broughton ist ganz besonders als Filmkomponist berühmt. Die frühen TV-Serien „Rauchende Colts“, „Quincy“, „Hawaii-Five-0“ und „Dallas“ folgten seiner musikalischen Dramaturgie. Später war er in Hollywood etabliert und schrieb den Soundtrack für eine ganze Reihen von Kinofilmen. Mit seinem Titel „Kannst du mich noch hören?“ bezog er sich explizit auf Beethovens Gehörprobleme und legte seiner Komposition, leise beginnend und immer lauter werdend, die 5. Symphonie zugrunde.

Elias Jurgschat (DE), ein ganz junger Student der Komposition, 2015 Preisträger beim Bundeswettberb Jugend komponiert der Jeunesses Musicales Deutschland, nennt sein Stück „an-denken“. Ein sich Einlassen auf den Kosmos Beethoven und nachdenken was in dessen Musik alles enthalten ist. Er konzentrierte sich dabei auf die „Triller“ als kleinste Einheit und schuf ein Werk, das praktisch nur aus Einzeltönen besteht (die wenigsten auf der Klaviatur) und doch ein Gesamtkunstwerk ist.

Wieder war es ein US-amerikanischer Komponist, der mich besonders ansprach. Mike Garson nennt sein Stück „Pathetique Variations“, was gleichzeitig auch Programm ist. Der Keyboarder von David Bowie, ein überaus kreativer Komponist, zeigte mit diesen Variationen den Reichtum auf, der in der „Pathetique“ enthalten ist.

Dazwischen wieder das Original. Die „Bagatelle op. 126 Nr. 3 und 4″, Kostbarkeiten der Klavierstücke von Ludwig van Beethoven wurden ganz großartig von Susanne Kessel vorgetragen. Beethoven, he is the hero.

Leon Gurvitch, ein weißrussischer Komponist, der bereits mehr als 300 Werke geschaffen hat, lebt seit langer Zeit in Deutschland. Mit seiner Komposition „Ludwig, wann?“, die, nach eigenen Worten „wie ein Blitz in seinen Kopf kam“, wollte er einen Bogen in das 21. Jhdt. finden. Motive aus der 5. Sonate bis zum Finale aus der 9. Symphonie sind in diesem kraftvollen Stück enthalten.

Howard Blake (UK) hat vor vielen Jahren einen Werbespot für Briedel, eine belgische Milchgesellschaft, mit der Musik unterlegt, die auf Beethovens „Freude schöner Götterfunken“, der 9. Symphonie, basierte. Seine damalige Musik transkribierte Blake nun für das Projekt und sandte die Noten mit dem Titel „Briedel Les Vaches 2017“.

Auf Wolke 7 schweben ließ mich zum Abschluss die „Bagatelle WoO 59“ (Für Elise) von Ludwig van Beethoven.

Selbstverständlich konnte Susanne Kessel, die mit ihrem gekonnten, meisterlichen Spiel an diesem Abend wieder begeisterte, nicht ohne Zugaben davonkommen. Eine davon war  das Uraufführungsstück „Beethoven’s Minimalism“ von Markus W. Kropp. Der begeisterte Applaus galt auch ihm. Es war ein grandioser Abend und die gespielten Stücke haben gezeigt, zeitgenössische Musik kann ganz wunderschön sein, zumal wenn sie von einer so großartigen Interpretin gespielt wird.